Eine Untersuchung der Flora in den italienischen Alpen hat erschreckende Ergebnisse hervorgeracht: "Unsere Resulate zeigen, dass die Vielfalt der Pflanzen endgültig abnehmen wird, sobald die Gletscher verschwunden sind. Bis zu 22 Prozent der von uns untersuchten Pflanzen wird es lokal nicht mehr geben, oder sie werden ganz ausgestorben sein, wenn die Gletscher nicht mehr da sind", sagt Gianalberto Losapi von der Stanford University in den USA. Die Studie "The Consequences of Glacier Retreat Are Uneven Between Plant Species" ist Ende Januar im Fachjournal Frontiers in Ecology and Evolution erschienen.

Die Studie widmet sich dem Zusammenhang von Alpenflora und Gletschern und zeigt, dass die sich zurückziehenden Gletscher zwar zunächst mehr Pflanzenwachstum ermöglichen, es aber dann zu dem beschriebenen Aussterben bestimmter Arten kommt. "Nicht alle Arten sind vor der Erderwärmung gleich", so Losapi.

Anpassungen helfen nur bedingt

Wenn die Gletscher verschwinden, legen sie Landflächen frei, die von Pflanzen besiedelt werden könnten. Daher ging die Forschung bislang in Teilen davon aus, dass die Biodiversität zunimmt, wenn die Gletscher verschwinden, oder dass eine verzögerte Anpassung möglicherweise dazu führt, dass sich Arten an neue Klimabedingungen gewöhnen und nicht oder "nur" lokal aussterben und andere Lebensräume besiedeln können. Diese Untersuchung stützt die These, dass die Anpassungen tatsächlich nur zeitlich begrenzt das Überleben einer Art sichern können.

Bei ihrer Untersuchung von vier schmelzenden Gletschern in den italienischen Alpen kommen die Forscher zu dem Schluss, dass selbst die Pflanzen, die zu den Pionieren neuer Höhenlagen gehören - die scheinbaren "Gewinner" der Erderwärmung - sich nicht langfristig etablieren werden können, da der Rückzug der Gletscher und die ökologischen Veränderungen viel zu schnell passieren, um längerfristig taugliche Anpassungen zuzulassen.

Die Erkenntnisse wurden möglich durch "historische" Vergleiche der bisherigen Evolution der Pflanzen in den Alpen und der Gletscher. Die Forscher  - neben der Stanford University waren die Universität Insubria, die Universität Mailan und das Museum of Science in Trento beteiligt - ermittelten die jeweilige Verbreitung  von 117 Pflanzenarten unterhalb der Gletscher in den letzten 5.000 Jahren.

Verzögerte Anpassung - eine schwindende Chance?

2019 hatte ein Team von Ökologen  der Universität Wien und der Schweizer WSL um Sabine Rumpf (jetzt Universität Lausanne)  und Stefan Dullinger anhand der Veränderung der Alpen gezeigt, dass Pflanzen und Tiere langsam auf den Klimawandel reagieren. Populationen sterben langsamer an zu warm gewordenen Standorten  aus als angesichts der drastischen Veränderungen erwartet und besiedeln neue, kältere Höhenlagen ebenfalls  nur sehr langsam. Die Forscher vermuten, dass den alpinen Pflanzen und Tieren - besonders jenen in besonders hohen Lagen - spezifische biologische Grenzen für eine schnellere Anpassung gesetzt sind.

Die Forscher der Universität Wien und des WSL (Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft) untersuchten auf über 1.500 Untersuchungsflächen in den Alpen die Florenveränderungen und konnten zeigen, dass fast keine der im Detail untersuchten 135 Pflanzenarten dem Klimawandel ohne Verzögerung gefolgt ist. "Sechzig Prozent der Arten sind noch auf Flächen zu finden, die ihnen klimatisch nicht mehr zusagen, 38 Prozent haben nicht alle Flächen besiedelt, die inzwischen ein geeignetes Klima bieten würden, und nur für sieben Prozent haben wir keine Indizien für Verzögerungen in die eine oder in die andere Richtung beobachtet", fasste Sabine Rumpf anlässlich des Erscheinens der Studie die Ergebnisse zusammen.

Klimawandel wird unterschätzt

"Verzögerte Anpassung bedeutet, dass wir auf der Basis heutiger Beobachtungen dazu tendieren, das volle Ausmaß der Konsequenzen des Klimawandels zu unterschätzen. Problematisch ist das besonders dort, wo Populationen aufgrund der heutigen klimatischen Bedingungen erst in der Zukunft, vielleicht erst in Jahrzehnten aussterben werden", sagt Stefan Dullinger. In der Ökologie spricht man in diesem Zusammenhang von einer "Aussterbeschuld". Die Tiere und Pflanzen der höchsten Lagen "reagieren" auf die Veränderungen besonders verzögert, indem sie lokal aussterben und neue Gebiete besiedeln.

Die Studie von Losapi legt nun ebenfalls die Vermutung nahe, dass das Ausmaß der Bedrohung für die alpine Pflanzen- und Tierwelt unterschätzt wird. (Apa, Frontiers in Ecology and Evolution, Nature Communications, Red)