Man könnte auch sagen, das Mittelmeer ist dabei, zu ersticken.

Unter den sechs Klimafolgen, die ein neuer Bericht der Umweltschutzorganisation WWF im Detail untersucht, ist auch das Verschwinden von Posidonia oceanica, ein Seegras, das es nur im Mittelmeer gibt. Posidonia wächst in bis zu vierzig Metern Tiefe, dort, wo der Boden sandig ist und noch genug Sonnenlicht die schmalen grünen Streifen erreicht. Seine ausgedehnten Wiesen sind die Heimat von schätzungsweise zwanzig Prozent aller Mittelmeer-Arten. Unzählige Fische schlüpfen dort und kehren ausgewachsen zurück, um zu laichen. Wenn die abgestorbenen Pflanzenteile von Posidonia den Strand erreichen, weiß man, dass der Herbst da ist. Die Pflanzenreste schützen die Küsten der Mittelmeerländer vor Erosion. Posidonia ist ein bedeutender Sauerstoff-Lieferant und seine manchmal vier Meter dicken Matten aus Wurzeln, Pflanzenresten und sonstigem organischem Material haben elf bis 42 Prozent des CO2 aufgenommen, das die Mittelmeerländer seit dem 18. Jahrhundert emittiert haben.

Posidonia kommt mit einem warmen Meer nicht zurecht: Aus dem Südosten des Mittelmeerbeckens ist es wegen der höheren Temperaturen bereits verschwunden und im Westen ist es dabei zu verschwinden. "Die (stattdessen) entstehenden Ökosysteme sind tendenziell weniger komplex, haben eine geringere Biodiversität, speichern weniger Kohlenstoff usw. Invasive pflanzenfressende Fischarten, die dem warmen Wasser folgen, erhöhen den Druck und hinterlassen einst gesunde Seegras-Wiesen brach zurück", heißt es in dem Report.

Steigender Meeresspiegel

Das Mittelmeer erwärmt sich so schnell wie kein anderes Meer - die Temperaturen steigen um zwanzig Prozent schneller als anderswo, so der Bericht. Ein wärmeres Meer ist ein größeres Meer - das Wasser dehnt sich aus, der Meeresspiegel steigt. Neben den Narben, die die Anker von Booten hinterlassen, ist dies eine zusätzliche Bedrohung für das Seegras. Der Anstieg des Meeresspiegels nimmt ihm das Licht.

Durch das beschleunigte Schmelzen des antarktischen Schelfeises, der Eisschilde in Grönland und die Gletscherschmelze wird auch das Absterben der Seegraswiesen weiter beschleunigt. Eine Studie der Dachorganisation der europäischen Wissenschaftsakademien EASAC über den Nordatlantik lässt die Wissenschafter vor einem Anstieg um einen Meter warnen. Seit 1890 ist der Meeresspiegel bereits um elf bis 16 Zentimeter gestiegen. Für das Mittelmeer und den Verlauf des Klimawandels verheißt dies nichts Gutes: Mit den Seegraswiesen verschwindet eine wichtige Kohlenstoffsenke und mehr CO2 gelangt in die Atmosphäre, was wiederum die Klimakrise verstärkt.

Der Bericht des WWF, der wesentliche Forschung zu den Folgen des Klimawandels für diesen Lebensraum zusammenfasst, kommt zu dem Schluss, dass mindestens dreißig Prozent des Mittelmeeres Meeresschutzgebiet werden müssten, um die schlimmsten Auswirkungen zumindest abzumildern. Für Urlaubende in der Region sind diese Folgen ganz deutlich sichtbar: Es gibt weniger Schalentiere und Muscheln - ein prominentes Opfer ist die Große Steckmuschel -, aber unzählige Quallen. Wer im Mittelmeer taucht, wird kaum Korallen finden: Sie fallen - wie in Ligurien geschehen - den häufiger werdenden Stürmen zum Opfer. Das Mittelmeer gehört zu den Meeren mit den meisten invasiven Arten: In der Gökova-Bucht in der Türkei sind 98 Prozent aller pflanzenfressenden Fische mittlerweile Kaninchenfische. Diese haben dort und in anderen Gegenden die endemischen Fischarten um 40 Prozent dezimiert.

Der Report spricht zusammenfassend von einer "Tropikalisierung" des Mittelmeeres - mit einer um 44 Prozent geringeren Biomasse.(cal)