Steigende CO2-Emissionen könnten verheerende Auswirkungen für das Unesco-Weltkulturerbe Venedig haben. Im Fachjournal "Natural Hazards and Earth System Sciences" berichtet ein Forschungsteam, dass der relative Anstieg des Meeresspiegels durch den menschengemachten Klimawandel Planung und Bau zweckdienlicher Schutzkonstruktionen für die Lagunenstadt und andere Küstenstädte massiv erschweren könnte.

"Acqua alta", hohes Wasser, ist das jährliche winterliche Hochwasser in Venedig. Es entsteht, wenn bei starker Flut und niedrigem Luftdruck der aus der Sahara kommende Scirocco-Wind Wasser landeinwärts in die Lagune drückt. Abhängig von den Gezeiten, dauert es mehrere Stunden. In der jüngsten Vergangenheit erreichte es jedoch neue Höhen. Erst im November 2019 wurde die Stadt von einer katastrophalen Flutwelle überschwemmt. Das Wasser stieg auf 187 Zentimeter über dem Meeresspiegel und richtete katastrophale Schäden an. Laut den Forschenden ist nicht nur der Scirocco schuld, sondern auch der Klimawandel.

Die italienischen Teams der Universität Salento sowie des Instituts für Meeresforschung und der Universität Ca‘ Foscari in Venedig haben historische und aktuelle Daten zum Überschwemmungsrisiko in Venedig verglichen und festgestellt, dass es insbesondere in der jüngsten Vergangenheit immer größer geworden ist. Sie gehen davon aus, dass die Gefahr im Lauf des 21. Jahrhunderts noch weiter ansteigen und sich dieser Anstieg zunehmend beschleunigen wird.

Einer der Schlüsselfaktoren bei der Risikoabwägung ist der zu erwartende relative Anstieg des Meeresspiegels. Doch was ist damit gemeint? Geologen messen den Meeresspiegel mit Satelliten aus dem All. Mithilfe von Radarsignalen wird die weltweite Meeresoberfläche ständig großflächig abgetastet. Dadurch wird an jedem Punkt der Meeresoberfläche der absolute Meeresspiegel, also der Meeresspiegel im Verhältnis zum Erdmittelpunkt, bestimmt. Der relative Meeresspiegelanstieg ist wiederum sein Anstieg im Verhältnis zu den Gegebenheiten auf der Erdoberfläche vor Ort, deren Beschaffenheit etwa durch Küsten oder auch ein örtliches Absinken des Bodens mitbeeinflusst wird. Und hier gibt es in Venedig offenbar eine große Variabilität. Die Forscher gehen davon aus, dass der relative Meeresspiegel in der Lagunenstadt bis zum Jahr 2100 um zwischen 17 und 120 Zentimeter ansteigen könnte.

Erstautor Davide Zanchettin schreibt diese Bandbreite den unterschiedlichen CO2Szenarien zu, die eintreten könnten, sowie einem noch unvollständigen Verständnis der physikalischen Prozesse sowohl lokal in der Adria als auch im gesamten Mittelmeer.

Verheerende Fluten

Laut den Forschern sollte man künftig nicht nur den Scirocco, sondern auch andere Faktoren in die Risikoabschätzung mit einbeziehen. Etwa Meteotsunamis, die durch Luftdruckschwankungen an Gewitterfronten ausgelöst werden können. Oder periodische Störungen des Boden-Luftdrucks oder der Windgeschwindigkeit, die den Meeresspiegel beeinflussen. "Am oberen Ende des Tidenhubs können meteorologische Ereignisse dieser Sorte verheerende Überflutungen auslösen", wird Studienleiter Piero Lionello in einer Aussendung zu den Publikationen zitiert. "Kleine Veränderungen können Enormes auslösen."

Bis auf weiteres hängt der Schutz des historischen Zentrums Venedigs vom Sturmflutsperrwerk "Modulo Sperimentale Elettromeccanico" ab. Umweltschützer sind überzeugt, dass aufgrund des Anstiegs der Meeresspiegel in Folge des Klimawandels die Anlage zu niedrig konzipiert ist.