Wien. Der Klimawandel stellt nicht nur für das menschliche Wohlbefinden eine Herausforderung dar, sondern auch Tiere müssen Anpassungen vornehmen. Einigen Arten wachsen längere Beine oder größere Schnäbel und Ohren, damit sie mit steigenden Temperaturen zurechtkommen. Die Ornithologin Sara Ryding und ihr Team von der Deakin University in Geelong, Australien, beschreiben durch den Klimawandel bedingte evolutionäre Veränderungen in einer im Fachjournal "Trends in Ecology and Evolution" publizierten Studie.

"In Diskussionen zum Klimawandel stehen zumeist der Mensch und die Frage, mit welchen Technologien er den Klimawandel könnte, im Vordergrund. Doch Tiere müssen Anpassungen viel schneller vornehmen, als wir es von der Evolution her kennen", wird Ryding in einer Aussendung zur Studie zitiert: "Der menschengemachte Klimawandel macht Druck auf die Tierwelt. Manche Arten können sich rasch anpassen, andere nicht."

Grundlage der Forschungsarbeiten bildet die Allensche Proportionsregel, benannt nach dem US-Zoologen Joel Asaph Allen (1838-1921). Sie besagt, dass bei verwandten Säugetierarten die exponierten Körperteile, wie Schwänze, Schnäbel oder Ohren, in kälteren Gebieten relativ kürzer ausgebildet sind als in wärmeren Regionen. Etwa hat der Eisfuchs sehr kleine Ohren, der Rotfuchs mittelgroße und der Wüstenfuchs sehr große Ohren. Die mächtigen Ohren des Afrikanischen Elefanten dienen der Wärmeregulation und werden bei großer Hitze abgestellt und durch Bewegung ventiliert.

Ryding und ihr Team haben die Größe der exponierten Körperteile von Tieren mit historischen Klimadaten verglichen. Die Wissenschafterin hebt hervor, dass nicht eine einzige Ursache für die Metamorphosen verschiedener Tierarten festgemacht werden könne. Doch mit ihrem Team habe sie physische Veränderungen bei zahlreichen Arten in unterschiedlichen geografischen Regionen entdeckt, deren einzige gemeinsame Ursache der Klimawandel sein könne.

Besonders augenscheinlich seien Anpassungen bei Vögeln: Seit dem Vergleichsjahr 1871, als die Industrierevolution Fahrt gewann, seien die Schnäbel zahlreicher Papageien-Arten in Australien um vier bis zehn Prozent gewachsen. Auch bei nordamerikanischen Sperlingsvögeln will das Forschungsteam eine Korrelation zwischen der Schnabelgröße und extremen Temperaturen ausgemacht haben. Und auch Säugetiere reagierten auf den Klimawandel: Waldmäuse bekamen längere Schwänze, Maskenspitzmäuse längere Schwänze und Beine. "Die Veränderungen sind mit weniger als zehn Prozent so geringfügig, dass man sie nicht unmittelbar wahrnimmt", sagt Ryding. "Aber es könnte sein, dass etwa Elefanten-Ohren in absehbarer Zeit überproportional groß werden." Als Nächstes wollen die Forschenden Vogel-Exponate aus verschiedenen Zeiten aus Museumsbeständen in 3D scannen und vergleichen.

Übrigens ist die Form der Tiere nicht die einzige überraschende Auswirkung der Erwärmung. Auch die Geldbörse könnte darunter leiden. Einer Studie in "Environmental Research Letters" zufolge könnten die wirtschaftlichen Kosten des Klimawandels höher ausfallen als angenommen. Europäische und US-Universitäten gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) weltweit in diesem Jahrhundert klimabedingt um etwa 37 Prozent sinken könnte. Dies wäre rund sechsmal so viel wie bisher angenommen.(est)