Seit dem Jahr 1990 - dem Basisjahr aller Berechnungen - sind die Treibhausgasemissionen kontinuierlich gestiegen. Um das 1,5-Grad-Ziel einhalten zu können, wäre bis zum Jahr 2030 eine globale Reduktion des Ausstoßes um 45 Prozent nötig. Werden die verschärften Maßnahmen, wie sie beim Pariser Abkommen vorgelegt wurden, nicht umgesetzt, kommt es allerdings zu einem Anstieg der Emissionen um plus 16,3 Prozent im selben Zeitraum. Mit diesen Zahlen wartete am Freitag ein Wissenschafterkomitee der "Scientists for Future" im Rahmen einer Pressekonferenz auf. "Die Situation ist dramatisch", formulierte es die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter. Der Bremseffekt der Corona-Krise auf den CO2-Ausstoß sei bereits vollständig verpufft.

Daran, dass der Klimawandel menschengemacht ist, bestehe kein Zweifel. Denn "wir verstehen das Klima heute", betonte Winiwarter. Wissenschaftern ist es heute möglich, in Modellen den gesamten Zeitraum der instrumentellen Aufzeichnungen - also etwa seit 1850 - zu simulieren. Die Vorhersagen solcher Modelle stimmen gut mit den tatsächlich beobachteten Veränderungen überein.

Menschlicher Einfluss

Ohne menschlichen Einfluss wäre die Erwärmung der letzten Jahre nicht eingetreten, zeigen sich die Experten überzeugt. Sowohl Beobachtungen als auch Klimasimulationen zeigen dies auf. So erwärmen sich etwa die Nächte schneller als die Tage, es entweicht weniger Wärme in den Weltraum, und die untere Atmosphäre (Troposphäre) erwärmt sich, während sich die obere Atmosphäre (Stratosphäre) abgekühlt hat. Diese bestätigten Vorhersagen seien allesamt Beweise für Veränderungen, die in erster Linie auf den Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen und nicht auf natürliche Ursachen zurückzuführen seien.

Zwar gingen die Emissionen in Österreich im Jahr 2020 um geschätzte acht Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 zurück, doch gibt es heuer wieder ein Plus von neun Prozent gegenüber 2020, skizzierte der Klimawissenschafter Gottfried Kirchengast neue Berechnungen. Dass sich der "Corona-Jahr-Einmalausreißer" nicht wiederholen werde, liege daran, dass immer noch die Nutzung fossiler Ressourcen vor allem in der Mobilität oder der Industrieproduktion "strukturell durch staatliche Investitionen der Republik" gefördert wird, so Kirchengast. Und erneut wurden von der Politik keine strukturellen Weichen gestellt, um eine Reduktion anzustoßen. Um das alles aufzuzeigen, leiste die "Fridays for Future"-Bewegung, für die sich einmal mehr die "Scientists for Future" starkmachen, einen großen "Dienst an der Gesellschaft".

Österreich stark betroffen

In Österreich schlage der Klimawandel stark durch, betonte Daniel Huppmann vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien. Wir seien stärker betroffen als der globale Durchschnitt. Und die Geschwindigkeit der Veränderung sei so schnell wie noch nie.

Es brauche die ökologische und soziale Steuerreform dringend, betonte Winiwarter. Im Zentrum davon müsse ein Preis von mindestens 100 Euro pro Tonne CO2 ab dem Jahr 2022 stehen. Das sei das Mindeste, was man sich von einem Klimaschutzgesetz erwarten könne. Eine größere Veränderung "geht nicht nur über Lebensstiländerungen", so die Forscherin der Universität für Bodenkultur in Wien.

Zwar könne man dem CO2-Sparen auch selbst auf die Sprünge helfen, indem man die Vielfliegerei oder das exzessive Autofahren einstelle. So schaffe man als Gesellschaft zumindest einmal eine Reduktion von zehn oder 20 Prozent, zeigten sich die Forscher überzeugt. Immens wichtig seien aber öffentliche Maßnahmen. So müssten Subventionen in das "fossile System" zurückgefahren, neue Verkehrskonzepte wirklich auf den Weg gebracht und die Kreislaufwirtschaft forciert werden, betonte Kirchengast. Neben dem CO2-Preis ab kommendem Jahr brauche es ein Auslaufen der Zulassungen für fossilbetriebene Fahrzeuge ab 2030 bzw. sollten ab 2040 keine öffentlichen Förderungen mehr an Unternehmen vergeben werden, die "nicht nach Carbonmanagement-Standards aufgestellt sind", lauten die Forderungen.

Wissenschaft geht voraus

Vom Erreichen des Ziels der Begrenzung der Temperaturzunahme auf 1,5 oder zwei Grad Celsius sei die Weltgemeinschaft leider weit weg, betont Renate Christ, langjährige Leiterin des Sekretariats des Weltklimarats (IPCC). Selbst wenn Staaten ihren eigenen Verpflichtungen aus Klimaabkommen nachkämen, lande man eher bei einem Plus von knapp unter oder über drei Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts.

"Als Wissenschafter erforschen wir die Vergangenheit und das Jetzt - aber wir zeigen auch Lösungen und Zukunftsszenarien auf", sagte Lara Leik, Vernetzungsbeauftragte der "Scientists for Future" an der Uni Salzburg. Und die Wissenschaft habe "die Pflicht, vorauszugehen".