"Wiener Zeitung": Sind wir eigentlich netter zu unseren Mitmenschen als etwa zum Wald?

Isabella Uhl-Hädicke: Viele Aspekte, die wir wahrnehmen, und viele Faktoren, die unser Handeln beeinflussen, wirken in unserem Umgang mit der Umwelt hinein, aber es gibt Unterschiede. Wenn ich meinen Kindern etwas Gutes tue, sehe ich die Auswirkungen sofort, etwa, indem die sich freuen. Wenn ich hingegen weniger Plastik verbrauche, sehe ich trotzdem Plastikverschmutzung im Meer. Das ist die große Herausforderung: Klimaschutz bedeutet längerfristiges Denken, da die Konsequenzen erst mit der Zeit spürbar werden. Der Mensch ist eher von unmittelbarem Feedback beeinflusst. Das Verhalten richten wir an Rückmeldungen aus - ob Lob oder Strafe.

Worin besteht ein tatsächlich umweltfreundliches Leben? Reicht es, im Kleinen damit anzufangen?

Jede und jeder muss für sich und die eigene Lebensrealität entscheiden. Aber es gibt viele richtige Stellschrauben. Umweltfreundliche Ernährung etwa bedeutet nicht bloß weniger Fleischkonsum. Wenn wir weniger Lebensmittel verschwenden, ist das kein Verzicht und hilft trotzdem dem Klima. Auch beim Energieverbrauch geht es nicht nur um die Menge, sondern auch die Sorte der benutzten Energie und die Qualität der Wohnraum-Isolierung. Und beim Konsum dreht es sich nicht einzig um den Kauf von Fairtrade-Artikeln, sondern man kann überlegen, was man überhaupt braucht. Die einzige echte Umstellung ist, dass man vorausplanen muss.

"Warum machen wir es nicht einfach?" ist der Titel Ihres soeben erschienenen Buches. Die Welt hat den höchsten CO2-Verbrauch jemals und der am kommenden Montag erscheinende Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC wird wohl darlegen, dass wir weitaus zu viele Emissionen ausstoßen. Wenn wir zunächst beim Individuum bleiben: Warum ändern wir das nicht?

Mehrere Faktoren spielen zusammen. Oft erleben wir eine kognitive Dissonanz: Wir wissen, dass ein Verhalten umweltschädigend ist und haben ein schlechtes Gewissen, finden aber Ausreden, die das Gewissen beruhigen, und müssen dadurch nichts ändern. Somit verzichten wir auf den letzten Schritt, um unsere Verantwortung anzunehmen. Außerdem beeinflussen unsere Wertehaltungen, worauf wir den Fokus setzen. Das kann förderlich sein für gutes Umweltverhalten, oder einem solchen im Wege stehen. Auch das soziale Umfeld hat großen Einfluss. Wir orientieren uns am Mehrheitsverhalten der Gesellschaft, jedoch oft unbewusst. Und natürlich spielen Gewohnheiten eine große Rolle.

Die meiste Zeit machen wir, was wir die meiste Zeit machen, schreiben Sie. Was sind solche Gewohnheiten?

Viele Menschen führen einen mit Aufgaben gefüllten Alltag. Wir arbeiten unsere Listen ab und handeln dabei oft automatisch, denn wir hätten gar nicht die kognitive Kapazität, uns jedes Mal neue Gedanken zu machen, wie Routinen zu erledigen sind. Aber diese Gewohnheiten beinhalten auch umweltfeindliches Verhalten.

Isabella Uhl-Hädicke ist Umweltpsychologin an der Uni Salzburg. Sie forscht und lehrt zu Förderung von umweltfreundlichem Verhalten. Ihr Buch "Warum machen wir es nicht einfach?" ist im Molden Verlag erschienen. M. Herdlein - © Michael Herdlein
Isabella Uhl-Hädicke ist Umweltpsychologin an der Uni Salzburg. Sie forscht und lehrt zu Förderung von umweltfreundlichem Verhalten. Ihr Buch "Warum machen wir es nicht einfach?" ist im Molden Verlag erschienen. M. Herdlein - © Michael Herdlein

Und jetzt sollen wir Gewohnheiten auf allen Ebenen ändern. Das ist ein bisschen, wie wenn der Arzt sagt: Sie sind zu fett und essen überhaupt zu ungesund. Wo ist das motivierende Element, das signalisiert, dass irgendetwas an unserem Tun denn auch in Ordnung ist?

Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Bei Übergewicht ist es einfacher: Die klare Strategie ist, ein bestimmtes Gewicht zu erreichen, und wer sie verfolgt, kommt hin. Der Klimawandel ist diffus. Es gibt weder einen klaren Moment des Beginns noch einen der Lösung. Die Klimakrise ist da, wir können nur beeinflussen, wie schwerwiegend die Konsequenzen ausfallen. Und das fällt besonders schwer, denn wir Menschen benötigen abgegrenzte Problemstellungen. Der Klimawandel ist aber so weitreichend, dass er alle Lebensbereiche, die wir bisher, ohne etwas Böses im Sinn gehabt zu haben, für normal gehalten haben, betrifft. Es ist legitim, sich überfordert zu fühlen.

Welcher Weg führt heraus?

Von heute auf morgen alles zu ändern, schafft man wahrscheinlich nicht. Man kann das Vorhaben, klimafreundlich zu leben, aber unterteilen und sich überlegen, was einen bisher davon abgehalten hat. Würde ich aus meinem Umfeld herausstechen? Fehlt das Angebot? Wie groß wäre der Aufwand im Vergleich zum Vorteil? Ist eine bestimmte Verhaltensweise Teil meiner Identität, etwa wenn ich mich als passionierter Autofahrer sehe? Gibt es kulturelle Einflüsse, wie etwa die Annahme, dass starke Männer Fleisch essen? Gibt es vielleicht Personen, die anders leben? Menschen sind komplex, daher sind es auch die Gründe für unser Verhalten.

Der Kampf gegen den Klimawandel beinhaltet auch Vorschriften. Wie reagiert der Mensch darauf?

Berichte über den Klimawandel sind oftmals negativ, beschuldigend, trocken und emotionslos. Die Kombination hat ein hohes Potenzial, Ohnmacht auszulösen. Menschen fühlen sich überfordert und gehen in Abwehrhaltung, um das negative Gefühl zu verdrängen.

Warum stecken wir vor einer existenziellen Bedrohung den Kopf in den Sand?

Bei einer existenziellen Bedrohung können Menschen in Schockstarre verfallen, als würde die Maus plötzlich die Katze sehen und daher nicht aus ihrem Loch kommen, sondern dort aufgewühlt-ängstlich verharren. Ein Mechanismus, um diesen Zuständen zu begegnen, ist die direkte Reaktion, bei der man sich mit der Quelle der Bedrohung auseinandersetzt, seinen Teil der Verantwortung annimmt und ins Handeln kommt. Beim Klimawandel ist das aber nicht der präferierte Mechanismus. Die meisten Menschen neigen zu symbolischen Handlungen, die keinen Bezug zur Bedrohungsquelle haben, jedoch helfen, mit dem Bedrohungsgefühl umzugehen, um im Alltag weitermachen zu können. Dabei nehmen wir die eigene Gruppe positiver wahr und werten andere Gruppen ab. Indem wir eigene Wertehaltungen verteidigen, gewinnen wir das Gefühl von Kontrolle zurück, jedoch ohne dass sich etwas ändert am Klimawandel.

Wachrütteln durch Fakten steigert die Bereitschaft für einen klimafreundlichen Lebensstil nicht. Warum mögen wir keine Fakten?

Menschen sind wissbegierig und haben Interesse an Fakten. Fakten werden aber nicht automatisch in Handlung übersetzt, weil so viele andere Faktoren mitspielen, weil nicht rein rational sind.

Wie entsteht der Zug zum Tor?

Wenn eine klimafreundliche Handlung in der Gesellschaft Norm ist, wird das viele Leute mitziehen. Motivation zur Verhaltensänderung muss auf drei Ebenen passierten: Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Wirtschaft gibt vor, was ich konsumieren kann, doch Konsumenten können das Angebot bis zu einem gewissen Grad steuern, und die Politik gibt den Rahmen vor.

Manche Maßnahmen zum Klimaschutz gehen an realen Bedürfnissen vorbei. Mit dem Lastenfahrrad ins Einkaufszentrum fahren macht man nicht, wenn es regnet und die Zeit knapp ist. Wenn der Zug das Fünffache kostet, nimmt man das Flugzeug, und die Produktion von Glas oder Supermarkt-Stofftaschen ist nicht ressourcenschonend.

Es gibt eine gewisse Steuerung, wonach Plastik das absolut Böse ist. Verglichen mit Einweg-Glas hat es aber die bessere CO2-Bilanz. Baumwoll-Stofftaschen wiederum benötigen sehr viel Wasser und Ressourcen in der Produktion, sodass man eine Tasche 100 Mal verwenden müsste, damit sie umweltfreundlicher ist als ein Plastiksackerl. Für die Politik ist es aber einfacher, die Sackerl zu verbieten, obwohl das Plastik in den Meeren weniger von Verpackungen als von Reifenabrieb oder Mikroplastik aus Kleidung stammt. Hinzu kommt die Kosten-Nutzen-Abwägung, die sich nicht nur in Geld, sondern auch Aufwand äußert. Zusammengefasst: Es wäre super, wenn es eine Zauberformel gäbe, aber die gibt es nicht.