Fast vier Fünftel der Fläche des Alpenbogens über der Baumgrenze erscheinen auf Satellitenbildern heute grüner als noch vor rund 40 Jahren. Ein Team um die an der Universität Basel tätige österreichische Ökologin Sabine Rumpf hat Aufnahmen aus dem All von 1984 bis 2021 analysiert und ist neben der starken Vegetationszunahme auch auf ein geringes, aber messbares Minus bei der Schneebedeckung über 1.700 Metern gestoßen. Vor allem das Ausmaß des Ergrünens aber hat die Forscher überrascht: 77 Prozent der untersuchten Gebirgsregionen sind zunehmend üppiger bewachsen.

Die Alpen sind das höchste Hochgebirge in Mittel- und Südeuropa. Sie erstrecken sich in einem 1.200 Kilometer langen Bogen, der im Südwesten am Golf von Genua an den Apennin anschließt, sich zum französischen und Schweizer Jura verzweigt und im Osten vor dem westpannonischen Berg- und Hügelland endet. Die westlichen Gipfelhöhen liegen bei zwischen 3.000 und 4.300 Meter.

Sie habe zwar angenommen, "dass wir einen Effekt finden. Aber dass er so deutlich und großflächig zutage tritt, hat sich glaube ich keiner von uns so erwartet", sagt Rumpf. Eine starke und durch den Klimawandel beförderte Vegetationszunahme ist für arktische Regionen dokumentiert. Eine derart umfassende Analyse der Alpenregion existierte jedoch bisher noch nicht, heißt es in einer Aussendung zu der im Fachjournal "Science" publizierten Arbeit. Bisher habe der Fokus bei Untersuchungen zum Klimawandel im Hochgebirge eher auf den Veränderungen in der Artenzusammensetzung und -vielfalt durch die in Berggebieten stark durchschlagenden Temperaturerhöhungen gegolten. Gerade dort sind viele Pflanzen stark an die sich bietenden ökologischen Nischen in einer kargen Umwelt angepasst. Das macht sie anfällig, da sie mit Umweltveränderungen nur schwer zurechtkommen.

"Alpenpflanzen sind an harte Bedingungen angepasst, tun sich jedoch schwer im Wettbewerb", erklärt Rumpf. Aus diesem Grund breiten sie sich lieber dorthin aus, wo das Klima weiterhin passend ist. Irgend wann aber gehe den an die höchsten Gefilde des Hochgebirges angepassten Arten aufgrund des unablässig wärmer werdenden Klimas der Platz zum Ausweichen aus.

Grünere Bergwelt reflektiert weniger Sonnenlicht

"Die einzigartige Artenvielfalt der Alpen steht unter großem Druck, wir sehen unerwartet große Veränderungen", sagt die am Basler Departement für Umweltwissenschaften tätige Rumpf. Schon 2019 hatte die damals noch an der Universität Wien forschende Wissenschafterin im Fachmagazin "Nature Communications" berichtet, dass die Bedingungen für Pflanzen in den höchsten Regionen immer ungünstiger würden. Die erschienene Arbeit zeigt, dass Arten von weiter unten sich immer weiter höher ausbreiten. Außerdem wird die Vegetation dichter, so die Auswertung der Satellitendaten. Den 77 Prozent Fläche mit Wachstumsplus steht weniger als ein Prozent der Alpen-Fläche oberhalb von 1.700 Metern gegenüber, wo die Vegetation auf Rückzug ist. Diese Entwicklungen sehe man im gesamten Alpenbogen, der österreichische Teil steche weder im Positiven noch im Negativen heraus, sagt Rumpf.

Zwar kann durch ein Plus beim Pflanzenwachstum etwas mehr CO2 eingelagert werden, was dem Temperaturanstieg ein Stück weit entgegenwirkt. Die insgesamt negativen Effekte der Erwärmung im Alpenraum lassen sich aber damit nicht ausgleichen.

Abseits der Gletscher erschien die Schneefläche oberhalb der Baumgrenze in der Studie gegenüber 1984 deutlich weniger verändert. Auf knapp 10 Prozent der untersuchten Fläche nahm die Schneedecke deutlich ab. Das sei aber dennoch besorgniserregend und passe zu Beobachtungen, wonach die Schneefläche in tieferen Alpenlagen vielfach abnimmt oder verschwunden ist.

Wenn über den Jahresverlauf hinweg immer mehr Flächen immer länger schneefrei bleiben, sei das für die Klimaentwicklung doppelt ungünstig. "Eine grünere Bergwelt reflektiert weniger Sonnenlicht und führt somit zu einer weiteren Klimaerwärmung - und daher zum weiteren Schwinden reflektierender Schneeflächen", so Rumpf. Die Entwicklungen bringen das alpine System durcheinander, was die Wahrscheinlichkeiten von Bergrutschungen und Murenabgängen erhöhe - und die von Schnee und Eis in hohen Lagen abhängige Trinkwasserversorgung ebenso wie den Tourismus beeinträchtige. (apa/est)