"Wenn wir die Wiesen in ihrer Vielfalt und ihren Funktionen schädigen, schädigen wir uns auch selbst." Der im Umweltbundesamt tätige Vegetationsökologe Thomas Ellmauer ließ beim Vetmed-Talk zum Thema "Bodenversiegelung - Lebensraum Wiese und der Klimawandel" keinen Zweifel daran, dass Wiesen eine wesentliche Rolle in der Biodiversität spielen und ihr Zustand nicht nur Landwirte beschäftigen sollte.

Das online abgehaltene Expertengespräch war Teil der Schwerpunktaktivitäten der Veterinärmedizinischen Universität Wien rund um die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Dass durch die Bodenversiegelung täglich rund zwölf Hektar Wiese - das ist die Fläche von 20 Fußballfeldern - in Österreich verschwinden, kritisieren seit langem nicht nur Umweltaktivisten.

Remigius Chizzola von der Abteilung für funktionelle Pflanzenstoffe an der Vetmeduni betonte: "Alle Wiesen sind von Menschen durch Rodung und Nutzung geschaffenes Grünland, das muss man sich in Erinnerung rufen. Wenn wir das erhalten wollen, muss es durch den Menschen genutzt werden." Die Rückeroberung der Natur durch "Verstrauchung, Verbuschung und Verwaldung" ginge etwa im Fall von unbewirtschafteten Almen in zwei bis vier Jahren vonstatten, sagte Andreas Klingler vom Institut für Pflanzenbau und Kulturlandschaft der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein.

Insekten-Vielfalt stark rückläufig

Für Ellmauer ist das Grünland "ein Spiegel unserer Wirtschaftsweise und unseres Umgangs mit der Natur". In den vergangenen Jahrzehnten habe es "eine maßgebliche Nutzungsintensivierung im Grünland gegeben mit einer gleichzeitigen Einengung der Vielfalt". Die deutlichen Veränderungen seien nicht nur auf den Klimawandel, auch auf veränderte Bewirtschaftung zurückzuführen. "Streuwiesen sind fast verschwunden." Dabei erfülle eine Wiese wichtige Ökosystemdienstleistungen wie CO2-Speicherung, Wasserrückhaltefähigkeit oder als Lebensraum für Bestäuber. Biomasse und Artenvielfalt von Insekten sei stark rückläufig. Weil sie aber auch Futter für andere Tierarten seien, gingen etwa auch Vögel-Populationen zurück. "Diese Entwicklung ist durchaus besorgniserregend."

Weil die in Österreich typischen Grünlandgräser für die zu erwartende Zunahme an Trockenheit nicht geeignet seien, werde es "eine Verschiebung zu tiefer wurzelnden Arten geben", sagte Klingler. Überhaupt sei künftig Flexibilität gefragt: "Das Zauberwort ist standortgerechte Landwirtschaft". Extensive Bewirtschaftung heiße dabei keineswegs Nutzungsaufgabe oder Verzicht auf jegliche Düngung. Auch Thomas Hartinger von der Abteilung für Tierernährung der Vetmeduni betonte, dass durch die Begleiterscheinungen des Klimawandels nicht nur die "Quantität des Biomasseertrags" geringer werde, sondern auch die Qualität der Futtermittel schlechter werde. Mittelfristig sei der Einsatz von trockenresistenteren Pflanzen unumgänglich. In einem Forschungsprojekt beschäftigt man sich auch mit der Verfütterung von Obst- und Gemüseabfällen als Kraftfutterersatz.

Einigkeit herrschte unter den Experten, dass auch der Einzelne zum Erhalt der Biodiversität beitragen könne. In Gärten sollten zumindest ein paar Flecken für das Wachstum von Pflanzenarten reserviert bleiben, regte Ellmauer an und wetterte gegen "Gärten des Grauens" wie die bereits mancherorts verbotenen Schottergärten. "Ich würde auch solche Gärten dazunehmen, wo der Mähroboter jeden Tag fährt - auch das sind aus Sicht der Biodiversität Wüsten! Es wäre sinnvoll, massive Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um dafür Bewusstsein zu schaffen." (apa)