Schwere Dürren, ausgetrocknete Böden, Pegel-Tiefststände in Brunnen, Flüssen und Seen: Der Sommer 2022 gilt in der Nordhemisphäre als nahezu beispielloses Wetterextrem, zumal riesige Gebiete besonders lange betroffen waren. Laut Experten traf die meteorologische Dürre mit wenig Niederschlägen auf eine landwirtschaftliche und hydrologische Dürre, was seit Beginn der Aufzeichnungen erst ein oder zwei Mal vorgekommen sei.

Der Klimawandel wird solche Extrem-Ereignisse öfter bringen. West- und Mitteleuropa müssen alle 20 Jahre mit extremen Dürren wie in diesem Sommer rechnen, selbst wenn sich die Erde ab sofort nicht weiter erwärmen würde. Zu diesem Schluss kommt eine Gruppe internationaler Forscherinnen und Forscher, die unter anderem Wetterdaten aus der vorindustriellen Zeit mit jenen von heute verglichen hat.

In West- und Mitteleuropa sind Dürren nach etwa 1,2 Grad menschengemachter Erderhitzung mindestens drei- bis viermal so wahrscheinlich geworden wie früher. Das geht aus der Untersuchung hervor, die von der Initiative World Weather Attribution veröffentlicht wurde. Ohne Erderwärmung wäre eine Dürre wie heuer in Europa nur alle 60 bis 80 Jahre zu erwarten gewesen.

Geringere Ernten

Besonderes Augenmerk legten die Forscher auf die Trockenheit der Böden in den Monaten Juni, Juli und August dieses Jahres. Sie untersuchten den ersten Meter unter der Erdoberfläche, der für die Wasserversorgung von Pflanzen besonders wichtig ist. Ist er ausgetrocknet, sprechen Fachleute von einer landwirtschaftlichen und ökologischen Dürre.

Die Forscher können belegen, dass die weit verbreitete Trockenheit in diesem Sommer den höheren Temperaturen durch den Klimawandel geschuldet ist. "In Europa haben Dürren zu geringeren Ernten geführt", sagte die deutsche Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London in einer Mitteilung. "Das war besonders deshalb besorgniserregend, da die Dürren auf klimawandelbedingte Hitzewellen im Süden Asiens folgten, die auch Getreideernten zerstört haben - und das alles zu einer Zeit, in der die Lebensmittelpreise aufgrund des Krieges in der Ukraine ohnehin extrem hoch waren."

Nach Angaben des Forschungsteams war der diesjährige Sommer einer der heißesten jemals gemessenen in Europa mit insgesamt mehr als 24.000 verzeichneten Hitzetoten.

Die Wissenschafter weisen darauf hin, dass es trotz enormer Fortschritte in ihren Fachgebieten schwierig sei, exakt zu bemessen, welchen Anteil die Erderhitzung für ein einzelnes Dürreereignis hat. Das liegt auch daran, dass die Trockenheit des Bodens schwieriger zu messen und zu berechnen ist als etwa Temperaturen und Niederschläge. Daher seien die Ergebnisse der Studie sehr konservativ angesetzt. Das bedeutet: Der tatsächliche Einfluss des menschengemachten Klimawandels ist den Forschern zufolge mutmaßlich noch höher.

24.000 Hitzetote

Neben West- und Mitteleuropa haben die Wissenschafter sich auch die Zunahme von Dürren auf der gesamten Nordhalbkugel der Erde angeschaut und kommen dadurch zu noch drastischeren Ergebnissen. Dort hat sich die Wahrscheinlichkeit eines Dürresommers wie in diesem Jahr sogar verzwanzigfacht. Während heute alle 20 Jahre mit solchen Dürren zu rechnen sei, kämen sie ohne menschengemachten Klimawandel nur etwa alle 400 Jahre vor. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse für die nördliche Hemisphäre sowie West- und Mitteleuropa wegen der unterschiedlichen Flächen nicht direkt miteinander verglichen werden können. "Wir müssen damit aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen, wenn wir das Klima stabilisieren und eine weitere Verschlimmerung dieser Dürreereignisse vermeiden wollen", sagte Sonia Seneviratne, eine beteiligte Forscherin der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Mit jeder weiteren Zunahme der Erderwärmung würden Dürren häufiger und intensiver.

Extreme Gletscherschmelze

Auch Auswirkungen auf die Gletscher zeigen sich überall in den Alpen. Diese Woche hat der Wetterdienst Blue Sky Wetteanalysen von einem "Negativ-Rekordjahr" für den Hallstätter Gletscher am Dachstein berichtet. 2,9 Meter habe der größte Gletscher der Nördlichen Kalkalpen an Länge verloren. Auch die Eisdicke sei im Durchschnitt um 2,5 Meter und in manchen Bereichen sogar um sechs Meter weniger geworden. Die Ursachen sind wenig Winterschnee und das völlige Ausbleiben von Schneefall im Frühjahr und Frühsommer.

In der Schweiz wiederum ist im Zeitraum zwischen 1931 und 2016 fast die Hälfte des Gletschereises geschmolzen. Insbesondere seit 2016 habe sich der Eisschwund laut der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft weiter beschleunigt.(dpa/est)