Die Pandemie geht in ihr viertes Jahr, in Europa tobt Krieg und die Folgen des Klimawandels zeigen sich in allen Regionen der Welt: In diesem Umfeld startet am Sonntag der 27. UN-Klimagipfel (COP27) im ägyptischen Badeort Sharm-El-Sheikh.

Unter dem Motto "Together for just, ambitious implementation NOW" (Gemeinsam für eine gerechte, ehrgeizige Umsetzung JETZT) treffen sich in den kommenden zwei Wochen Vertreterinnen und Vertreter der fast 200 Vertragsstaaten der UN Klimarahmenkonvention, um erneut über die Umsetzung und Ausgestaltung des 2015 geschlossenen Pariser Klimavertrages zu verhandeln.

Es ist der erste Gipfel nach der Veröffentlichung des Sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC. Alle drei Arbeitsgruppen unterstreichen einmal mehr die Dringlichkeit, mit der sich die Entscheidungsträger der Welt allen Facetten des Klimaschutzes widmen müssen.

Die bisherigen kollektiven Verpflichtungen reichen nicht aus, um die Auswirkungen des menschegemachten Klimawandels so wie geplant einzudämmen. Stattdessen sind die weltweiten Treibhausgas-Emissionen so hoch wie noch nie. Die Weltwetterorganisation berichtete 2021 von Rekordwerten an CO2, Methan und Lachgas in der Erdatmosphäre.

Konferenz als "Schrittmacher"

"Die Maßnahmen gegen die Erderwärmung reichen nicht aus und dieses Jahr ist das ganz besonders ärgerlich, zumal ja im Vorjahr beim Gipfel in Glasgow alle Länder akzeptiert hatten, dass etwas getan werden muss", sagt Niklas Höhne Leiter des New Climate Institute in Köln und Professor für Klimaschutz der niederländischen Wageningen Universität.

Freilich habe Russlands Einmarsch in die Ukraine unzählige Pläne zerworfen, "aber nun sind wir nicht nur ein bisschen, sondern richtig weit weg von unserem Ziel, die globalen durchschnittlichen Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen", sagt Höhne. Um es zu erreichen, müssten die Länder ihre Emissionen halbieren. Hitzesommer, extrem warmer Oktober, Überschwemmungen: "Diese Auswirkungen sind für alle spürbar und sie gehen nicht weg", warnt er.

Ohne rasche und tiefgreifende Maßnahmen, wie einem Förderungs- und Verbrennungsstopp fossiler Brennstoffe, seien die Pariser Klimaziele nicht zu erreichen, betonte am Donnerstag die Politikwissenschafterin Alina Brad in einer Aussendung. Die Nachjustierung nationaler Klimaziele sei das Gebot der Stunde und werde viel zu schleppend umgesetzt.

Was kann ein Klimagipfel leisten?

Erst letzte Woche hatte der UN-Emissions-Gap-Report gezeigt, dass mit den derzeitigen Klimaplänen der Staaten weder die 1,5-Grad-Grenze noch die 2-Grad-Grenze eingehalten werden kann. Statt der geforderten Reduktion der Treibhausgasemissionen um idealerweise 45 oder mindestens 30 Prozent bis 2030 sei ein Anstieg um mehr als 10 Prozent zu erwarten. In Ägypten soll eine internationale Bestandsaufnahme im Jahr 2023 vorbereitet werden, um auf dieser Basis die Ausarbeitung künftiger Klimaschutzpläne vorzubereiten.

"Obwohl viele Staaten hierbei scheinbar ehrgeizige Klimaziele verfolgen und Klimaneutralität anstreben - Österreich etwa bis 2040 -, wird die 1,5-Grad-Grenze auf globaler Ebene, alle nationale Klimaziele zusammengenommen, noch immer klar überschritten", kritisiert Brad.

Wie gut aber ist eine Klimakonferenz, die keine Weltregierung ist, sondern ein System souveräner Staaten, die selbst festlegen, was sie beitragen wollen, dazu geeignet, all dies auf bindende Art und Weise auf den Weg zu bringen? "Es wichtig, zu beachten, welchen Maßstab man anlegt", sagt Wolfgang Obergassel von der Abteilung Energie- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Die derzeitige Transformation der Weltwirtschaft sei einzig mit der Industrialisierung vergleichbar, welche 50 Jahre dauerte. "Die wesentliche Funktion dieser Konferenz ist, ein Schrittmacher zu sein. Allein, dass die Länder jedes Jahr Rechenschaft ablegen müssen, erzeugt Druck und hält das Thema auf der Tagesordnung."

Allerdings müssten die Länder ambitionierter werden. "Was hoffentlich neu sein wird, ist ein Arbeitsprogramm zur Eindämmung globaler Emissionen, das festlegt, mit welchen Instrumenten die globale Emissionslücke geschlossen werden kann", sagt Obergassel. Denn egal, wie viel sich Europa beim Klimaschutz gibt: Emissionsintensive Produkte aus anderen Ländern werden immer noch überall verkauft, und Emissionen aus anderen Teilen der Welt erreichen irgendwann den gesamten Erdball.

Finanzielle Entschädigungen

Die Energiekrise verschärfe die Situation zusätzlich. Immer mehr Projekte zur Erschließung neuer Öl- und Gasfelder würden begonnen. Weltweite Subventionen für fossile Energieträger hätten sich verdoppelt, obwohl schon die vor der Energiekrise geplanten Projekte das verbleibende globale CO2-Emissionsbudget deutlich überstiegen. "Wenn wir nicht aufhören, Infrastrukturen für fossile Energieträger zu errichten, werden wir es nicht schaffen", warnt Höhne.

Thema dürften auch finanzielle Entschädigungen sein für Länder, die am wenigsten zum CO2-Ausstoß beitragen, jedoch oft am meisten unter den Auswirkungen leiden. Die Allianz für Klimagerechtigkeit fordert ein neues Finanzierungspaket von der Staatengemeinschaft. "Die Politik muss die großen Lücken bei der Klimagerechtigkeit und der Klimafinanzierung rasch schließen", heißt es. Von den Industrienationen verlangt die Plattform aus 26 österreichischen Umwelt-, Entwicklungs- und sozialen Organisationen, die zugesagten 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr zur Klimafinanzierung beizutragen, um ihre Verpflichtungen einzuhalten.