Wer extreme Hitzewellen, orkanartige Stürme oder tagelangen Starkregen einmal erlebt hat, ist eher überzeugt, dass der Klimawandel keine vage Idee in einem fernen Zukunftsbild, sondern ein Faktum ist und bereits stattfindet. Ihr Verhalten verändern die Betroffenen aber trotzdem nicht: Sie fahren weiter mit dem Auto, nehmen Flüge oder kaufen wenig nachhaltige Massenware. Das berichten der Umweltsoziologe Tobias Rüttenauer und sein Team vom britischen University College London.

Zum Hintergrund: Es gab in Europa schon früher starke Dürren, Hitzen, Hochwasser und Stürme. Laut Weltwetterorganisation ist jedoch belegt, dass Extremwetter vom Klimawandel befeuert werden.

"Wir haben im Vereinigten Königreich im Zeitraum von mehr als zehn Jahren den Wohnort extremen Fluten, Stürmen oder Hitzewellen zugeordnet und Befragungsdaten von rund 30.000 Individuen ausgewertet", sagt Rüttenauer zu der Studie, die er am Donnerstag beim Jahreskongress des Wittgenstein-Zentrums für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Detail darlegt, zur "Wiener Zeitung".

Für die Befragten stellten die Wetterextreme, anders als für die Bewohner der Südseeinsel Haiti durch den Orkan "Matthew" im Jahr 2016, keine Gefahr für Leib und Leben dar. Jedoch erlebten sie Überflutungen auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern in ihrer Nachbarschaft, oder ungewöhnlich hohe Temperaturen im Sommer. "Die Personen gaben an, überzeugt zu sein, dass der Klimawandel sie persönlich betrifft, sie sich jedoch im Grunde genau so zu verhalten wie vorher, was Shopping oder Mobilität betrifft", führt der Umweltsoziologe aus.

Lernen wir etwa nicht aus unseren Erfahrungen? "Ein Ja zu dieser Frage lässt sich aus den Daten zwar so nicht ablesen, aber es ist möglich", sagt er: "Die wahrscheinlichste Erklärung für die paradoxe Haltung ist aber, dass die Menschen den Eindruck haben, dass ihr eigenes Verhalten wenig Einfluss auf das Gesamtgefüge hat. Was dabei offenbar nicht bedacht wird, ist, dass es einen Riesenunterschied machen würde, wenn alle ihr Verhalten ändern würden."

Wenn etwa konkret immer mehr Konsumenten keine Produkte aus Plastik auf Erdölbasis kaufen würden, wären die Hersteller gezwungen, auf nachhaltige Verpackungen umzusteigen. Und wenn sich alle überzeugen ließen, ihren kleinen Beitrag zu leisten, würden sich die vielen kleinen zu einem großen Beitrag zum Klimaschutz summieren, meint der Wissenschafter.

Eine Frage der Strukturen

Noch aber ist die Welt im Großen wie im Kleinen davon weit entfernt: Trotz zunehmend eindringlicher Warnungen vor einer immer heißeren Erde sind die Emissionen derzeit so hoch wie noch nie. Ein zweiter Grund für die mangelnde Bereitschaft, klimafreundlich zu leben, könnte sein, dass einem das nicht eben leicht gemacht wird. "Strukturen für ein klimafreundliches Leben" heißt ein Bericht, in dem das Climate Change Centre Österreich im Auftrag des Klimaschutzministeriums diese Frage untersucht hat. Darin kommen 80 Wissenschafter zu dem Schluss, dass es derzeit in Österreich schwierig ist, klimafreundlich zu leben, weil die nötigen Strukturen fehlen.

Bestehende Rahmenbedingungen würden klimaschädigendes Verhalten nicht bremsen, sondern fördern, heißt es. Etwa würden kommunale Abgaben die Ansiedelung von Betrieben und Einkaufszentren an Orts- und Stadteinfahrten begünstigen, was zusätzlichen Autoverkehr auslöse, und gebe es zu viele treibhausgasintensive Arbeitsplätze. Auch Zeitpläne im öffentlichen Verkehrsnetz seien zu wenig effizient abgestimmt.

Neben strukturellen und regulatorischen Veränderungen ließe sich klimafreundliches Verhalten über Preisanreize durchsetzen. "Es gibt Ideen, klimaschädliche Aktivitäten steuerlich zu verteuern und die Einnahmen so umzuverteilen, dass finanziell Schlechtergestellte das Geld wieder zurückbekommen. Ich aber halte es für effizienter, wenn die umweltfreundliche Alternative köstengünstiger ist", sagt Rüttenauer. Der Kontostand wirke sich nämlich sehr wohl auf Verhalten aus.

Auch der Wissenschaftskommunikation kommt in der Klimakrise eine Schlüsselrolle zu. Dashboards für den schnellen Überblick, ein Kodex für eine klare Berichterstattung oder die mediale Vermittlung von Visionen, wie eine nachhaltige, gerechte Zukunft aussehen könnte, seien vielversprechende Ansätze, erklärten Experten kürzlich bei einer Diskussionsrunde von "APA Science" in Wien.

"Es ist herausfordernd, nicht negativ zu kommunizieren und Horrorszenarien an die Wand zu malen", sagte die Umweltpsychologin Isabella Uhl-Hädicke von der Universität Salzburg. Auf die Schärfe der Klimakrise zu pochen, führe zu einer gewissen Schockstarre, während positive Bilder, wie klimafreundliche, begrünte Städte aussehen können, eher zum Mitmachen anregen würden.

Die Psyche der Medienkonsumenten ist das eine, die Fakten das andere. "Österreich wird oft als Umwelt- und Klima-Musterland dargestellt. Jedoch sind die Treibhausgasemissionen hier heute genau so hoch wie 1990. Im aktuellen Climate Change Performance Index liegt Österreich auf Platz 32 von 63", verwies Daniel Huppmann, Klimaforscher am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg, auf die Situation.

Für Rüttenauer sind die Reaktionen auf den Klimawandel vergleichbar mit jenen auf die Pandemie. Auch bei Corona "haben Menschen, die weniger in Gefahr waren, schwer an Covid-19 zu erkranken, sich weniger an die Maßnahmen gehalten als solche mit höherem Risiko. Extreme Wetterereignisse liegen, auch wenn sie immer häufiger werden, in unserer Wahrnehmung in der Zukunft, auch weil zukünftige Generationen stärker betroffen sein werden", sagt er.