"Die Möglichkeit der Apokalypse ist unser Werk", hält die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter in der Online-Zeitung "Republik" fest. "Bereuen können wir zur Not einen einzigen Klimatoten: mehr leistet das Gefühl nicht; vorstellen können wir vielleicht zehn: mehr leistet die Vorstellung nicht; aber hunderttausend Menschen durch die Erderhitzung indirekt zu töten" sei zu erwarten, wenn die Menschheit das Ruder nicht umdreht.

Winiwarter, "Wissenschafterin des Jahres 2013", gehört zu einer wachsenden Anzahl von Forschenden, sie sich für gesellschaftlich brisante Themen und die Umsetzung der Klimaziele einsetzen, zuletzt in einem offenen Brief. Rund 250 Forschende und Vereinigungen bekunden in dem auf der Homepage der Organisation "Scientists for Future" am Mittwoch veröffentlichten Dokument ihre Unterstützung für die Klimaaktivismus-Gruppe "Erde brennt", die kürzlich durch Hörsaalbesetzungen an Hochschulen aufgefallen ist. Zu den Unterzeichnern zählen neben ihr die Ökologen Helmut Haberl und Franz Essl, die Politikwissenschafterin Barbara Prainsack oder der Klimaforscher Daniel Huppmann. Verfasser des Schreibens sind Nicolas Roux und Melanie Pichler vom Institut für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur (Boku).

"Das Anliegen zu kommunizieren"

"Immer mehr Wissenschafter*innen argumentieren, dass Klima-, soziale und Bildungskrisen systematisch verknüpft und nur gemeinsam zu lösen sind", heißt es. Die "Erde brennt"-Bewegung schaffe mit einem Forderungskatalog im Gegensatz zur Politik eine "Brücke zwischen Klimaschutz, sozialer Solidarität und zukunftsfähiger Bildung". Zu den Forderungen zählten Klimaschutz, Schritte zur Eindämmung des Bodenverbrauchs und zum Schutz der Biodiversität sowie soziale Anliegen.

Davor hatten sich rund 50 Personen unterschiedlicher Fachdisziplinen mit der Klimaschutz-Bewegung "Last Generation" solidarisiert. Am Dienstag hatten die Aktivisten am Wiener Praterstern den Verkehrsfluss zeitweise zum Stillstand gebracht, 18 Personen wurden festgenommen. Die Gruppe der Forschenden hatte beim Tegetthoff-Denkmal zum "unkonventionellen Pressegespräch" zu den verfehlten Klimazielen geladen. Allein 2021 sei die Menge der in Österreich emittierten Treibhausgase um 3,5 Millionen Tonnen angestiegen, sagte Initiator Reinhard Steurer, Professor für Klimapolitik an der Boku. Laut dem Wegener Center für Klima der Uni Graz müsste jedoch jährlich ein Minus von 4,5 Millionen Tonnen CO2 erreicht werden, wenn das Ziel der Klimaneutralität bis 2040 erreicht werden sollte.

"Listen to the science": Dazu hatte Greta Thunberg 2019 unter Bezugnahme auf einen Sonderbericht des Weltklimarats zu den Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 Grad aufgerufen. Aus heutiger Sicht gelten 1,5 Grad jedoch als bestes Szenario, eine stärkere Erderwärmung steht zu befürchten. Da, wie sie meinen, Reden nichts nütze, klebt sich die "Letzte Generation" an Straßen und Flugfelder, bewirft Kunstwerke mit Suppe und sticht Autoreifen auf. Die Aktionen sind umstritten. Diskutiert wird, ob sie ein Zeichen einer Radikalisierung der Gesellschaft sind, und nicht zuletzt, ob Aktivismus mit wissenschaftlicher Praxis vereinbar ist.

"Bedenkliche Aktionen" vs "lebenswichtige Tatsache"

"Das Vorgehen der letzten Generation mag juristisch bedenklich sein. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass die Demonstranten, die mit ihren Verzweiflungstaten vor allem ihre eigene Gesundheit gefährden, auf eine für uns alle lebenswichtige Tatsache hinweisen", schrieb dazu der Molekularbiologe Ulrich Elling in einem Tweet.

Klimaforscher Daniel Huppmann vom Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg sieht einen "Paradigmenwechsel" für Wissenschaften, die mit gesellschaftlich relevanten Ergebnissen aufwarten. "Erstens müssen sie ihre Erkenntnisse, etwa zum Klimawandel, vermitteln. Zweitens müssen sie die getroffenen Maßnahmen auswerten. Dazwischen muss eine gesellschaftliche Diskussion darüber stattfinden, was man mit dem errungenen Wissen machen will und ob die Maßnahmen ausreichen", sagt er. Über die Art der Aktionen der "Last Generation" ließe sich diskutieren, "Einzelne schießen über das Ziel hinaus. Aber Gewaltbereitschaft sehe ich unter den mir bekannten Aktivisten nicht", sagt Huppmann.

"Auch als Bürgerin Zeit nehmen"

"Immer wieder wird gefordert, die Wissenschaft müsse raus aus ihrem Elfenbeinturm und kommunizieren, warum sie relevant ist", führt er weiter aus. "Wenn ich eine Stunde dafür aufwende, eine Fachpublikation zu schreiben, bringt mich das der Professur zwar näher, aber trotzdem ist es wichtig, das Anliegen zu kommunizieren. Es muss wirksame Maßnahmen geben, damit uns die Erderwärmung nicht erdrückt."

Der Ökologe Franz Essl, Österreichs "Wissenschafter des Jahres 2022", fasst diese neue Positionierung so zusammen: "Man verlässt bis zu einem gewissen Grad seinen angestammten Bereich, wenn man sich bei wissenschaftlichen Themen von gesellschaftlicher Relevanz entscheidet, an der öffentlichen Diskussion teilzunehmen. Es ist ein Spannungsfeld zwischen einer Wissenschaft, die quasi agnostisch ihre Themen erforscht, und der Existenz als Bürger, den Themen bewegen", sagt Essl. Welche Artikulationsformen letztlich tatsächlich politisch wirksam sind, müsse sich weisen. "Eine Grenze ist, wenn Güter zerstört werden. Autoreifen aufzuschlitzen ist keine gute Protestform."

"Ich gehe zu Klimademos", erklärt Verena Winiwarter, und begründet: "Niemand ist ausschließlich im Beruf tätig. Ich bin mein ganzes Leben auch Hausfrau und Mutter gewesen, da hat mich auch niemand gefragt, wie das vereinbar ist. Ich musste immer für die Dinge, die mir wichtig sind, Zeit haben. Und wenn ich kraft meiner Wissenschaft die Klimakrise als größte Bedrohung sehe, muss ich mir nicht nur als Forscherin, sondern auch als Bürgerin dafür Zeit nehmen."