Der Ausbruch des Untersee-Vulkans Hunga Tonga-Hunga Ha’apai im Südpazifik vor genau einem Jahr, am 15. Jänner 2022, könnte die Erderwärmung vorantreiben. Das berichtet ein Forschungsteam mit österreichischer Beteiligung im Fachmagazin "Nature Climate Change". Laut den Wissenschaftern erhöht die Eruption die Wahrscheinlichkeit, dass die Erderwärmung die Grenze von 1,5 Grad überschreitet.

Die "Tonga-Eruption" war größer als jedes andere Ereignis, das mit modernen geophysikalischen Methoden aufgezeichnet wurde. Es wird vermutet, dass es sich um den lautesten je nachgewiesenen Knall neben jenem beim Ausbruch des Krakatau von 1883 handelt. Die Explosion war sowohl im 2.300 Kilometer entfernten Neuseeland als auch im 9.700 Kilometer entfernten Alaska zu hören. Satellitendaten der Nasa zeigen außerdem, dass die Eruptionssäule bis zu 58 Kilometer hoch war und damit in die Mesosphäre reichte. Zum Vergleich: 1991 erreichte die Eruptionssäule des Pinatubo auf den Philippinen Höhe von 40 Kilometern. Die Wolke des El Chichón in Mexiko stieg 1982 etwa 31 Kilometer nach oben.

Der gewaltige Ausbruch war mehrere 100 Mal stärker als die Sprengkraft der Atombombe über Hiroshima im Jahr 1945. "Wir glauben, dass die freigesetzte Energiemenge vier bis 18 Megatonnen TNT (Maßeinheit für bei einer Explosion frei werdende Energie, Anm.) entsprach", berichtete Jim Garvin, Chief Scientist des Goddard Space Flight Center der US-Weltraumbehörde nach der Explosion.

Gigantische Aschewolke

Eine gigantische Wolke aus Asche und Gas wurde wie ein Atompilz kilometerweit in die Höhe geschleudert. Es handle sich um eines der am besten dokumentierten derartigen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte, berichten nun Wissenschafter um den Physiker Stuart Jenkins von der britischen Universität Oxford in der neuen Arbeit. Der Ausbruch habe schätzungsweise 146 Megatonnen Wasserdampf und rund 0,42 Megatonnen Schwefeldioxid in die Stratosphäre geschleudert.

Die meisten Vulkanausbrüche hieven vor allem Schwefeldioxid in hohe Luftschichten. Das führt in der Folge eher zu einer Temperaturabkühlung der Erde, da die Aerosol-Partikel Sonnenlicht streuen. Über mehrere Jahre hinweg sei es allerdings möglich, dass die Tonga-Eruption den gegenteiligen Effekt bringt, schreiben die Forschenden, zu denen der am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg tätige Klimaforscher Chris Smith zählt.

Verantwortlich sei der hohe Wasserdampf-Ausstoß, der den Wassergehalt in der Stratosphäre um zehn bis 15 Prozent erhöht habe. Wenn dieser Dampf über längere Zeit hinweg in den hohen Schichten verbleibt, führe das zu einer Steigerung der Oberflächentemperatur auf der Erde.

Da bei dem Vulkanausbruch am 15. Jänner 2022 zudem relativ geringe Schwefeldioxid-Mengen ausgestoßen wurden, die der Temperaturerhöhung entgegenwirken (Forscher berichteten damals, dass mit einer Abkühlung von maximal 0,004 Grad Celsius zu rechnen sei), könne der Vulkanausbruch zu einem Klimawandel-Treiber werden - zumindest für einen begrenzten Zeitraum. Die Analysen der Wissenschafter beziehen sich auf das Ziel der Staatengemeinschaft, den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit auf maximal 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Die Chance, dass die Welt in den kommenden fünf Jahren ihr erstes Jahr erlebt, in dem diese Marke tatsächlich übersprungen wird, steigen den Berechnungen zufolge durch die Folgen der Tonga-Eruption um zusätzlich etwa sieben Prozent.

Das ändere allerdings nichts daran, dass der bei weitem stärkste Treiber der Erderwärmung die menschgemachten Treibhausgasemissionen bleiben, heben die Forscher hervor. (apa/est)