Hochwasser-Sperre auf der Themse bei Woolwich, England. Foto: corbis
Hochwasser-Sperre auf der Themse bei Woolwich, England. Foto: corbis

London. London von einer Sturzflut überwältigt. Die Küsten Yorkshires unter Wasser gesetzt. Themse und südwalisische Flüsse über die Ufer getreten. Was wie ein Filmskript klingt, ist (leider) ein recht realistisches Szenario für die Zukunft der Britischen Inseln. So realistisch, dass die britischen Behörden kürzlich eine viertägige Notstandsübung abhielten, um für den Fall der Fälle wenigstens ein bisschen besser gewappnet zu sein.

10.000 Menschen waren an der "Operation Wasserzeichen" beteiligt - Polizisten, Rettungseinheiten, Klinikpersonal, Hubschrauberpiloten, Ministerialbeamte, freiwillige Verbände überall im Land. 1,8 Millionen Pfund kostete das "Wasserzeichen", gesteuert aus dem Kommandoraum einer Notstandszentrale in Fareham in der Grafschaft Hampshire. Schulen wurden geräumt, gestrandete Buspassagiere von Busdächern aufgelesen, von virtuellen Wassermassen eingeschlossene Wanderer in Rettungsboote verladen. "Es ist eine Überprüfung unserer Reaktion auf derartige Katastrophen", erläuterte der Umwelt-Staatssekretär Richard Benyon.

Denn eines sei sicher: Aufgrund des Klimawandels werde es künftig sehr viel mehr Überschwemmungen in Großbritannien geben. Das ist auch die Überzeugung des Vorsitzenden des Umweltschutzamtes, Lord Smith: "Eins von sechs Häusern in England und Wales liegt in der Gefahrenzone." Und Charles Tucker, Chef des Nationalen Hochwasser-Forums, das 200 örtliche Gruppen umfasst, hält die diversen Szenarien der "Operation Wasserzeichen" für "absolut realistisch": "Hunderte von Gemeinden sind im letzten Jahrzehnt überschwemmt worden, und im kommenden Jahrzehnt werden es noch mehr sein. Das ist der Alptraum, der uns schlaflose Nächte bereitet."

Einem Bericht der renommierten Joseph-Rowntree-Forschungsstiftung zufolge sind weite Bereiche britischer Küstengebiete zwischen 2050 und 2080 vom Untergang bedroht: "Intensive Stürme werden immer häufiger. Sie führen, zusammen mit steigenden Meeresspiegeln, zu wesentlich mehr Überschwemmungen unserer Küstengebiete."

Der Klimawandel, darin sind sich die Insel-Wissenschafter einig, führt zu neuen Wetterverhältnissen. Den Küstengebieten im Norden und Westen werden "wilde Winter", den Gebieten im Osten allmähliches Absinken ins Meer und stete Erosion vorausgesagt. "Der Meeresspiegel könnte hier um mehr als einen Meter steigen", heißt es im Report: "Potenziell könnte der Anstieg sogar zwei Meter erreichen." Käme es dazu, würden dies Städte wie Hull oder Great Yarmouth kaum überstehen. Selbst in London müsste man sich darauf vorbereiten, mit Ruderbooten ins Parlament oder über den Piccadilly Circus zu fahren - bevor die britische Hauptstadt im 22. Jahrhundert zum Atlantis der Nordsee würde.

Das sei aber dann doch ein wenig pessimistisch, finden Experten des Meteorologischen Amtes, des Imperial College und des Tyndall-Zentrums für Klimawandel-Forschung in London. Wiewohl auch sie keinen Zweifel am Trend der Entwicklung haben, prophezeien sie einen Verlauf mit nicht ganz so katastrophalen Folgen - und damit einen Anstieg des Meeresspiegels rund um die Insel um weniger als einen Meter: "Apokalyptische Behauptungen", finden sie, seien "übertrieben".

Bauten in riskanter Lage

Der Streit, der den verschiedenen Berechnungen zugrunde liegt, dreht sich um das Grönland-Eis, um den Umfang der Schmelze und um die Zukunft des Golfstroms. Ob ein Meter oder zwei: Das macht einen gewaltigen Unterschied. Denn mit maximal einem Meter Anstieg des Wasserspiegels könnte die existierende Hochwasser-Sperre auf der Themse nahe London noch fertig werden. Zwei Meter würden den Bau einer kostspieligen neuen Barriere verlangen - und letztlich den Schutz der betreffenden Regionen doch nicht garantieren.

Im Zuge drakonischer Sparmaßnahmen wurden jedoch die öffentlichen Gelder zum Schutz vor Überschwemmungen bereits um 20 Prozent gekürzt. Das 150-Millionen-Pfund-Budget für "Flood Defences" der Großstadt Leeds etwa, die bei den Überschwemmungen 2007 schwere Schäden erlitt, wurde sogar ersatzlos gestrichen. Die Versicherungsprämien in Küstengebieten beginnen jedenfalls bereits, anzusteigen - zumal vielerorts Neubauten in Flutebenen, also in riskanter Lage, entstehen.