Wenn das kein Zeichen dafür ist, dass ein gravierender Klimawandel auch schon an unsere Haustür klopft: Das Gipfelkreuz des 3660 Meter hohen Großvenedigers, des dritthöchsten Berges Österreichs, steht nicht mehr. Die Bergrettung Prägraten wirbt um Spenden, um das Kreuz neu zu errichten. Die bisherige Verankerung war aufgrund des Gletscherschwundes der letzten Jahre ausgeapert, es bestand die akute Gefahr, dass das Kreuz umfällt oder abstürzt. Doch wieder einmal ist Österreich nur die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält. Global wirft der Klimawandel noch ganz andere Schatten voraus.

Drohte zu kippen und abzustürzen: Gipfelkreuz des Großvenedigers. - © Bergrettung Prägraten
Drohte zu kippen und abzustürzen: Gipfelkreuz des Großvenedigers. - © Bergrettung Prägraten

Stellen Sie sich vor, Amerikas Ostküste würde total unter dem Meeresspiegel liegen, nur die obersten 20 Meter der New Yorker Freiheitsstatue würden noch aus dem Wasser ragen. Auch große Teile Deutschlands, vor allem der Norden, wären überflutet, Mainz und Leipzig hätten sich zu Hafenstädten entwickelt. Für den deutschen Paläoklimatologen Jörg Pross von der Universität Frankfurt ist ein solches Szenario keineswegs abwegig. Falls in einem künftigen Treibhaus-Klima die Eismassen auf unserem Planeten abschmelzen, sei langfristig ein Ansteigen des Meeresspiegels um 70 bis 80 Meter unvermeidbar. Experten erwarten freilich nicht, dass das von heute auf morgen eintritt, wie es etwa 2004 der Katastrophenfilm "The day after tomorrow" plakativ überzeichnete.

Als in der Antarktis Regenwälder wuchsen

Vor wenigen Wochen haben Pross und sein Team in "Nature" publiziert, dass sie in Bohrkernen vor der Küste der Antarktis auf Spuren eines tropischen oder subtropischen Regenwaldes gestoßen sind, der sich dort vor rund 52 Millionen befunden haben muss. "Es war damals dort 50 bis 60 Grad wärmer als heute", sagt Pross, der diese Situation auf den hohen Gehalt an Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre, doppelt so hoch wie heute, und warme Meeresströmungen zurückführt und aus diesem Blick in graue Vorzeit die Prognose ableitet: "Wenn der derzeitige CO2-Ausstoß durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe ungehindert voranschreitet, werden atmosphärische CO2-Konzentrationen, wie sie damals herrschten, wahrscheinlich in wenigen hundert Jahren erreicht sein."

Dass der Zug in Richtung Klimawandel fährt, wird heute nur noch von wenigen Experten ernsthaft bestritten, auch wenn sich manche Forscher deutlich vorsichtiger äußern als Pross. 2010 wandelte sich sogar einer der prominentesten Klimawandel-Skeptiker, der dänische Politikwissenschafter und Statistiker Björn Lomborg, vom Saulus zum Paulus. Er räumte ein, dass tatsächlich eine vom Menschen verursachte globale Erwärmung erfolge und jährlich rund 100 Milliarden Dollar nötig wären, um den Klimawandel zu bekämpfen. Lomborg befürwortet seither eine Steuer auf CO2-Emissionen und Investitionen in klimafreundliche Energien.

Dass menschliche Eingriffe in die Natur sich auswirken, bestätigt auch eine im aktuellen "Nature" publizierte britische Studie: Dass die Tropen trockener werden und weniger Niederschlag bekommen, steht eindeutig im Zusammenhang mit dem Abholzen des Regenwaldes. Die Menschheit verantwortet mit ihrem Lebensstil, mit ihrem Umgang mit Ressourcen und noch viel zu wenig regulierten Ausstoß von Schadstoffen zumindest mit, wenn sich "Naturkatastrophen" häufen.

Die stärkste Erwärmung erfolgt in den Polarregionen, erklärte jüngst in Alpbach die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven (Deutschland), Karin Lochte. Im Mittel der vergangenen 50 Jahre betrug sie mit einem Plus von 1,1 Grad Celsius fast das Doppelte des globalen Mittelwertes (0,64 Grad), bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird in der Arktis mit einer Erwärmung von sieben bis acht Grad gerechnet, eine dramatische Entwicklung, die aber immer realistischer wird.

Denn das Eis der Arktis schmolz im heurigen Sommer wie noch nie. Die von Meereis bedeckte Fläche betrug laut der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa Ende August 4,1 Millionen Quadratkilometer, das war die bisher geringste Ausdehnung seit Beginn der Messungen. Das bisherige Minimum lag am 18. September 2007 bei 4,17 Millionen Quadratkilometer. Dabei ist zumindest bis Mitte September mit einem weiteren Abschmelzen zu rechnen, ehe das Eis im Winter wieder an die 15 Millionen Quadratkilometer bedeckt. Die Fläche sagt dabei nicht alles aus, es gilt, auch das Volumen zu beachten, das sogar noch mehr zurückgegangen ist, da die Eisdecke im Durchschnitt immer dünner wird.

"Panikmache" ist längst Schnee von gestern

Die Entwicklung überrollt jedenfalls den von Klimawandel-Skeptikern heftig als "Panikmache" attackierten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) von 2007, der ein Abschmelzen des Arktis-Meereises erst "im letzten Teil des 21. Jahrhunderts" erwartet hatte. Auf den Punkt brachte es Peter Wadhams von der britischen Universität Cambridge in einem Interview mit "BBC News". Einige Wissenschafter, darunter auch er, hätten schon vor Jahren, damals noch belächelt, aufgrund von Messungen des Meereises vorhergesagt, bis 2015 oder 2016 werde das Arktis-Meereis im Sommer verschwunden sein. Das werde sich nun bewahrheiten: "Messungen von U-Booten haben gezeigt, dass das Eis seit den 1980er-Jahren 40 Prozent seiner Dicke verloren hat, wenn man die Schrumpfung in Betracht zieht, bedeutet das, dass das Sommereisvolumen jetzt nur noch 30 Prozent des Volumens in den 1980ern beträgt."