Wien. "Die Luft ist rein." Das mag vielleicht ein Einbrecher zu seinem Komplizen sagen, wenn er keine möglichen Zeugen in der Nähe wahrnimmt, trifft aber kaum auf jenes Gasgemisch zu, das wir tagtäglich einatmen. Angesichts der Luftqualität in Österreich richtet die Ökologie-Expertin Marianne Popp, Sprecherin der gerade 50 Jahre alt gewordenen Kommission für Reinhaltung der Luft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), heftige Vorwürfe an die Politiker. Sie gehörten in Umweltethik nachgeschult, es sei "unterlassene Hilfeleistung", wenn man keine ausreichenden Maßnahmen gegen die krank machende Feinstaubbelastung und deren Verursacher setze.

In einer Pressekonferenz in Wien beklagte Popp eine "Beratungsresistenz" der Politik, seit dem Jahr 2000 sei die Expertise der Kommission im für die Umwelt zuständigen Ministerium nicht mehr erwünscht, ein Meinungsaustausch fände nur noch zweimal pro Jahr mit Experten der Bundesländer statt. "Umweltanliegen haben keine Lobby", erklärte Popp, seit die Umweltagenden zum Landwirtschaftsministerium gehörten, "gewinnen immer Land- und Forstwirtschaft".

Dabei sprechen neuere Zeitreihenstudien zur Situation in Wien, Graz und Linz eine eindeutige Sprache, wie Manfred Neuberger, Umwelthygieniker an der Medizin-Uni Wien betonte: "Die Sterblichkeit nimmt mit dem Grad der Luftverunreinigung zu." Beim Anstieg von Feinstaub um zehn Mikrogramm pro Kubikmeter komme es zu einer Erhöhung der Mortalität innerhalb der nächsten Woche um fast zwei Prozent, innerhalb von zwei Wochen um 2,7 Prozent, ähnliche Folgen hat ein Anstieg von Stickstoffdioxid, die erhöhte Sterblichkeit, so Neuberger, "korreliert mit der Nähe zur Straße".

Aus Sicht der Experten Wilfried Winiwarter (Universität Graz) und Hans Puxbaum (Technische Universität Wien) sind die wesentlichen Feinstaubquellen der Kfz-Verkehr, der Hausbrand, vor allem aus älteren, schlecht gewarteten Anlagen und die Landwirtschaft - der dort freigesetzte Ammoniak verbindet sich in der kalten Jahreszeit mit Stickoxiden zu Ammoniumnitrat). Das hat Effekte auf den einzelnen Menschen - und auf das Klima.

Gute Luft kostet Geld, aber schlechte vermutlich mehr

Beim Feinstaub unterscheidet man derzeit nach der Partikelgröße in Mikrometern die Kategorien PM 10 und PM 2,5. Die kleinsten Teilchen, für die noch gar keine Grenzwerte festgelegt sind, seien für die Gesundheit am gefährlichsten, hob Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum in München hervor. Es seien Effekte auf Lunge, Herz, Gehirn, das Gefäßsystem und die Fortpflanzungsorgane nachgewiesen. Wer dem Verkehr ausgesetzt sei, egal ob als Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel, habe in der Stunde danach das dreifache Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden.

Gute Luft kostet Geld, aber schlechte Luft kostet langfristig wahrscheinlich viel mehr. Die erforderlichen Maßnahmen kämen, so Schneider, billiger als die Kosten für die nicht vermiedenen Krankheits- und Todesfälle. Und 2013 erwartet Österreich ein EU-Vertragsverletzungsverfahren mit erheblichen Strafzahlungen, wenn es in Ballungszentren 50 Mikrogramm PM 10 pro Kubikmeter an mehr als 35 Tagen pro Jahr überschreitet und keine deutliche Abnahme der Stickstoffdioxid-Belastung schafft.

Beim EU-Beitritt sei Österreich ein Vorreiter in Sachen guter Luft gewesen, sagte Neureiter, jetzt sei es zum Nachzügler geworden. Das gelte besonders für die Innenluft, denn punkto Nichtraucherschutz sei man im Vergleich mit allen Nachbarländern klar im Rückstand. In Wiener Gaststätten gebe es nur in totalen Nichtraucherlokalen ungefährliche Luft, jedoch keineswegs in den Nichtraucherzonen von Lokalen, in denen geraucht werden darf.

Alle ÖAW-Kommissionen sind im Zuge der ÖAW-Reform derzeit ruhend gestellt und müssen mit Jahreswechsel um eine Neugründung ansuchen. Marianne Popp strebt für die von ihr geleitete Kommission dann die neue Bezeichnung "für Klima und Luftqualität" an.