Potsdam/Berlin. Der Klimawandel nagt viel stärker als bisher befürchtet an den Küsten im Nordosten Sibiriens. "Steigt die durchschnittliche Temperatur im Sommer um ein Grad, beschleunigt sich die Erosion um 1,20 Meter im Jahr", erklärt der Geograph Frank Günther vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Potsdam. Weil das Klima sich im hohen Norden besonders stark aufheizt, holt das Meer in vielen Abschnitten der Küste inzwischen jährlich durchschnittlich mehr als fünf Meter Küste. Das berichten die AWI-Forscher Frank Günther und Paul Overduin gemeinsam mit Kollegen aus Deutschland und Russland (The Cryosphere Dis-cuss., Band 7, Seite 4101).

Auf Luftaufnahmen aus dem Jahr 1951 und hochauflösenden Satellitendaten aus der Zeit von 1965 bis 2012 haben die Wissenschafter im Norden der Republik Jakutien im Nordosten Sibiriens drei Abschnitte der Festlandsküste und die kleine Insel Muostakh im Nordpolarmeer unter die Lupe genommen. Da solche Aufnahmen die dreidimensionale Landschaft verzerren, haben die Forscher einige Gebiete auch am Boden vermessen und mit diesen Ergebnissen die Daten von oben korrigiert.

Eine Insel droht im Polarmeer zu verschwinden


Alle vier Untersuchungsgebiete liegen nahe der Mündung des 4400 Kilometer langen Stroms Lena, wo das Meer zunehmend landeinwärts vordringt. Besonders groß ist der Verlust von Land auf der nur 450 Meter breiten Insel Muostakh, die im Norden in den letzten Jahrzehnten 585 Meter ihrer Länge verloren hat. "Wir haben diese Insel sozusagen als Versuchskaninchen genutzt", erklärt Overduin, Spezialist für Dauerfrostböden.

Als die Forscher diese Daten mit Klimawerten und der Fläche des Eises auf dem Nordpolarmeer entlang der Küste verglichen, kamen sie der Ursache des rasanten Schwunds der sibirischen Küste auf die Spur: Die Klima-Erwärmung lässt im Norden Jakutiens vor allem im Sommer die Temperaturen an durchschnittlich 110 Tagen im Jahr über die Null-Grad-Marke steigen. 2010 und 2011 gab es bereits 127 so warme Tage, 2012 sogar 134. Die wärmeren Sommer tauen den Dauerfrostboden weiter als bisher auf - er kann weggespült werden. Dramatisch ist dieser Verlust im Norden der Insel Muostakh. Dort besteht der Boden zu 80 Prozent aus Eis - die zunehmende Erwärmung lässt die Insel im Sommer zusammensacken. "Da die Insel durch die Ablagerung von Sediment in einigen 10.000 Jahre entstanden ist, ist dieser Zerfall rasant", so Overduin.

Die steigenden Temperaturen schmelzen auch das Eis auf dem Meer. "Weniger als 80 Tage ohne Meereis gab es bisher dort im jährlichen Durchschnitt", fasst Overduin zusammen. In den vergangen drei Jahren lag dieser Wert sogar bei durchschnittlich 96 Tagen. In der Zeit ohne Eisdecke können die Wellen an die Küste rollen. Das Wasser nagt also jedes Jahr mehr als zwei Wochen länger am Land. Dabei taut es die Steilküsten von unten an. So entstehen Überhänge. Die Küste wird unterspült und bricht ab. Verschwand in den letzten vier Jahrzehnten jedes Jahr noch ein 2,2 Meter breiter Küstenstreifen, stieg dieser Wert in den vergangenen vier Jahren auf 5,3 Meter. Die Insel Muostakh hat in den letzten 60 Jahren nahezu ein Viertel ihrer Fläche eingebüßt. Hält die Entwicklung an, könnte sie völlig aus dem Polarmeer verschwinden.

Die zunehmende Erosion beeinflusst aber auch das Meer stark. So schließt der Permafrostboden viele Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere ein, die mit den abgebrochenen Küstenstücken in das Nordpolarmeer geschwemmt werden. Bei der derzeitigen Erosionsrate werden von jedem Kilometer Küste zwischen 88 und 800 Tonnen Kohlenstoff im Jahr ins Meer gespült. Diese Biomasse könnte im Wasser als Kohlensäure zur Versauerung der Meere beitragen. Die Klimaerwärmung hat also selbst in den eisigen Regionen im Norden Sibiriens enorme Auswirkungen.