Teersandgebiete von Alberta, Kanada: Die Ölproduktion im weltgrößten Industriegebiet verursacht mehr CO 2 als alle anderen. - © corbis/D. Nunuk
Teersandgebiete von Alberta, Kanada: Die Ölproduktion im weltgrößten Industriegebiet verursacht mehr CO 2 als alle anderen. - © corbis/D. Nunuk

Toronto/Wien. Die Analyse macht Angst, weil sich das Gefühl, dass sie stimmt, nicht verdrängen lässt. Der Klimawandel schreitet ungehindert voran, weil sich die Gegenmaßnahmen dem Kapitalismus unterordnen, schreibt die kanadische Aktivistin Naomi Klein in ihrer neuen Polemik "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" (S. Fischer). Das in Englisch unter dem Titel "This Changes Everything" erschienene Buch ist seit Freitag auf Deutsch erhältlich.

Fast jede Woche warnen Experten: Ohne sofortiges, entschlossenes Handeln droht dem Weltklima ein Kippeffekt. Zwischen 2000 und 2010 gab es den stärksten Emissionsanstieg der vergangenen 30 Jahre - trotz Klimaschutz-Bemühungen und Finanzkrise. Wenn die Staaten so weitermachen, sei mit einer Erwärmung von 3,7 bis 4,8 Grad bis 2100 zu rechnen. Um dieses Szenario zu verhindern, müsse die Welt bis Mitte des Jahrhunderts die Treibhausgas-Emissionen um 40 bis 70 Prozent drosseln und bis 2100 auf nahezu null bringen. Zwei Grad Erwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit gelten als gerade noch beherrschbar für Mensch und Natur.

Ende des Wachstums

Naomi Klein: Kapitalismus zerstört Lebensraum . - © cosbis/L.Zanon
Naomi Klein: Kapitalismus zerstört Lebensraum . - © cosbis/L.Zanon

Warum reagiert niemand auf diese katastrophalen Aussichten? Hat niemand Angst zu sterben? Emissionen sind unsichtbar, daher glauben wir nicht wirklich an ihre Existenz, schreibt Klein. Die apokalyptische, jedoch abstrakte Vorstellung extremer Hitzewellen, nicht endenwollender Überschwemmungen, immer stärkerer Wirbelstürme und eines Zusammenbruchs der Wasser- und Stromversorgung an jedem Ort lasse sich allzu leicht hinter dem allgegenwärtigen Konsum verdrängen, während die Logik des Konsumierens Alternativen kaltstellt: Einmal Konsument ist immer Konsument, selbst wenn in Recycling-Kleidung gehüllt hinter dem Steuer eines Elektroautos.

Klein, die in ihrem Bestseller "No Logo" (2000) die Globalisierung von Marken und in "Die Schock-Strategie" (2007) den Neoliberalismus aufs Korn nahm, stellt nun gängige Standpunkte zum Klimawandel auf den Kopf. Um die Erderwärmung zu stoppen, reichen nicht grüne Technologien, die die Weltwirtschaft ungestört weiter wachsen lassen. Vielmehr bedürfe es eines Umsturzes des Status quo und eines neuen Weltbilds an dessen Stelle, "in dessen Mittelpunkt Schutz und Wertschätzung für die Systeme der Erde zur Erhaltung des Lebens und der Fruchtbarkeit all ihrer Bewohner" stünden.