Was genau ihr Erfolgsgeheimnis ist, wissen die Forscher noch nicht. Und sie sind auch keineswegs sicher, ob dieser Trick auch anderen Riffen das Überleben sichern kann. Denn so konnten Palaus Korallen ihre Strategie in Jahrtausenden entwickeln. So viel Zeit wird den Meeres-Architekten beim aktuellen Klimawandel nicht bleiben. Einen Lichtblick sehen die Forscher dennoch: "Wir hoffen, dass einige Riffe der Versauerung der Zukunft widerstehen können", sagt Cohen. "Selbst wenn es nur ein sehr geringer Prozentsatz ist."

Auch in Bezug auf die steigenden Temperaturen gibt es einen Hoffnungsschimmer. Der kommt aus den mesophotischen Riffen - jenen Ökosystemen, in denen Korallen nicht im lichtdurchfluteten Flachwasser wachsen, sondern in Tiefen zwischen 40 und 150 Metern. "Das kühlere Wasser dort unten könnte für viele Arten bessere Bedingungen bieten als das wärmere an der Oberfläche", so Elaine Baker von der University of Sydney. "Außerdem gibt es in der Tiefe weniger Wellen und Turbulenzen." Das verbessert Wachstumsbedingungen. Und da diese Gebiete weiter vom Land entfernt liegen, ist auch der Druck durch Fischerei und andere menschliche Einflüsse geringer als bei Flachwasser-Riffen. Daraus resultiert die Hoffnung der Experten.

Zwar warnt Baker vor hochfliegenden Erwartungen. Es werde bei weitem nicht für alle Arten von Riffbewohnern ein Rettungsboot in der Tiefe geben. Für einige aber gibt es offenbar Grund zu vorsichtigem Optimismus. So scheinen manche Korallen im tieferen Wasser vermehrungsfreudig zu sein. Nachgewiesen haben Forscher das vor den Amerikanischen Jungferninseln in der Karibik. Dort produziert eine Art namens Orbicella faveolata im tiefen Wasser mehr als zehnmal so viele Eier pro Quadratkilometer wie im flachem.

Klimaschutz hat Priorität

Und auch Fische können den tiefer gelegenen Unterwasserstädten etwas abgewinnen, wie eine Studie von Joshua Cinner von der James Cook University in Australien zeigt, in der Daten aus mehr als 2500 Riffen in 46 Ländern analysiert wurden. Daraus konnten die Forscher Trends ableiten. So sind Riffe in reicheren Regionen meist in besserem Zustand als solche in ärmeren. Wird der Fang nur vor Ort verkauft, bleiben die Fischbestände größer, als wenn er auf dem Weltmarkt landet. Die Einrichtung von Meeresschutzgebieten kann sich positiv auswirken, aber nur bei Einhaltung der Vorschriften.

All diese Zusammenhänge klingen einleuchtend. Trotzdem sind die Forscher immer wieder auf Gebiete gestoßen, die den allgemeinen Trends nicht folgen. Dort gab es deutlich größere Fischbestände, als angesichts der ökologischen und sozialen Situation vor Ort zu erwarten wäre. Und diese "hellen Flecken" liegen oft in der Nähe von mesophotischen Riffen.

Jedoch hängt der Zustand der Fischbestände auch von anderen Faktoren ab. Etwa, wie stark die Bevölkerung beim Management mitmischt. Wo es lokale Eigentumsrechte gibt, Tabus und Nutzungsregelungen gelten und traditionell gefischt wird, geht es den Beständen oft ungewöhnlich gut - gerade in Regionen, in denen die Bevölkerung stark von marinen Ressourcen abhängig ist. Unter solchen Bedingungen entwickeln Menschen offenbar besonders kreative und effektive Lösungen, um Überfischung zu vermeiden und die Riffe zu schützen.

Das alles will Cinner aber nicht als Argument gegen die Notwendigkeit von Klimaschutzmaßnahmen verstanden wissen. Langfristig werde die Gesundheit der Riffe von der Reduktion der Treibhausgase abhängen. Doch wer Überfischung vermeide, gebe den Unterwasserstädten gute Chancen, mit den Herausforderungen einer wärmeren Zukunft fertigzuwerden.