Zürich/Wien. (est) Die lebenswichtige Ozonschicht, die die Erde und ihre Flora und Fauna vor den schädlichen UV-Strahlen der Sonne schützt, ist über den dicht besiedelten mittleren Breiten dünner geworden. Das berichtet ein internationales Forschungsteam im Fachjournal "Atmospheric Chemistry and Physics". In der unteren Stratosphäre, wo die Ozonschicht am dichtesten sein sollte, gebe es immer weniger von dem lebenserhaltenden Molekül.

Bisher galt der Kampf gegen das Ozonloch als Erfolgsgeschichte. Im September 1987 einigten sich im Montreal-Protokoll 197 Staaten darauf, ozonschädliche Treibhausgase wie Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW) zu verbieten. Diese langlebigen Chemikalien werden für das Ausdünnen der Ozonschicht in der Stratosphäre, also in einer Höhe von 15 bis 50 Kilometern, verantwortlich gemacht. Sie sollen das alljährlich auftretende Ozonloch über der Antarktis bewirken. Zehn Jahre nach dem Montreal-Protokoll schien sich das Loch langsam zu schließen und um die Jahrtausendwende schien der Abbau des Ozons gestoppt. Viele Experten gingen davon aus, dass sich die Ozonschicht bis 2050 vollständig erholen würde.

Das Team unter der Leitung der ETH Zürich und des Physikalisch-Meteorologischen Observatoriums Davos berichtet jedoch Unerfreuliches: Die Annahme, dass es besser wird, gilt nur für die oberste Stratosphäre. Im unteren Teil sinkt trotz des FCKW-Verbots der Gehalt von Ozon. An sich sollte hier, in 15 bis 24 Kilometern Höhe, die Schicht am dichtesten sein. Doch sie dünnt aus. Die betroffenen Regionen liegen zwischen den Breiten von 60 Grad Süd und 60 Grad Nord, und damit über praktisch allen mehr oder weniger dicht besiedelten Gebieten der Erde von Patagonien bis Skandinavien, von Russland bis Österreich, von Italien bis Afrika.

"Messdaten von etwa 20 Satelliten aus den vergangenen 40 Jahren dokumentieren das Ozonloch", sagt William Ball Atmosphärenforscher an der ETH Zürich und Erstautor der Studie, zur "Wiener Zeitung": "Jedoch arbeiten die meisten Satelliten nur etwa zehn Jahre. Das ergibt Bruchstellen, wenn die Messdaten zu einem Zeitverlauf über die Gesamt-Vorgänge in der lebensfreundlichen Troposphäre und der darüberliegenden Stratosphäre kombiniert werden."

Entscheidende drei Millimeter

Die global gemittelte Ozonsäule blieb gemäß den Messungen konstant. In Fachkreisen galt das als Indiz, dass das Ozon überall zurückgehe. Ball und seine Kollegen berechneten die Modelle mit hoch entwickelten statistischen Methoden neu und entdeckten, dass dem nicht so ist. "Unsere Berechnungen ergeben, dass sich nur die oberste Schichte der Stratosphäre erholt", sagt der Atmosphärenforscher.

Ozon entsteht in der Stratosphäre hauptsächlich 30 Kilometer über den Tropen und wird durch Luftströmungen um den Erdball verteilt. Dass es sich in der unteren Stratosphäre weiter ausdünnt, überraschte die Wissenschafter. Sie vermuten, dass ein gegenläufiger Trend die Entwicklung maskiert. Denn Ozon bildet sich auch in der Troposphäre durch menschliche Aktivitäten in zunehmendem Ausmaß. "Dieses anthropogene Ozon, das den Sommersmog verursacht, maskiert in den Satellitenmessungen zum Teil die stratosphärische Abnahme", erläutert Ball.

Ein unterschätzter Faktor könnten laut den Forschern auch andere chemische Substanzen sein, die derzeit nicht verboten sind. Dazu zähle das flüchtige Dichlormethan, das als Lösungsmittel für Harze, Fette, Kunststoffe und Bitumen verwendet wird.

"Die Erkenntnisse waren so nicht erwartet und wir sollten die Entwicklungen beobachten", sagt Ulrich Foelsche, Atmosphären- und Klimaphysiker an der Universität Graz, der nicht an der Studie beteiligt war. "Das Montreal-Protokoll kam rechtzeitig und löste viel - aber wie wir jetzt sehen, offenbar nicht alles."

Die vor den energiereichen UV-Strahlen der Sonne schützende Ozonschicht sei eine "dünne, filigrane Angelegenheit", betont Foelsche: "Würde man den gesamten Ozongehalt auf Bodenniveau holen und hier als reine Ozon-Schicht konzentrieren, wäre sie bei dem bestehenden Druck nur etwa drei Millimeter dick." Drei Millimeter, ohne die es kein Leben gäbe, wie wir es kennen.