Innsbruck/Wien. Noch sind sie allgegenwärtig - die weißen Einlagerungen quer über die Alpen. Es ist Gletschereis, das auf den Bergspitzen die klimatischen Voraussetzungen für Fauna und Flora bietet, so wie wir sie seit jeher kennen. Doch seit der Mensch mit seinen technischen Aktivitäten, das Klima gewaltig aus dem Ruder bringt, verlieren Tiere und Pflanzen ihren bisherigen Lebensraum. Das Dahinschmelzen der Gletscher spielt dabei eine erhebliche Rolle. Und so wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis unsere Alpen oberhalb der Baumgrenze einer grauen Wüste gleichen. Denn das weitere Abschmelzen der Gletscher kann nicht mehr verhindert werden, berichten Forscher der Universitäten Innsbruck und Bremen im Fachblatt "Nature Climate Change".

"Aufgrund der langsamen Reaktion der Gletscher auf Klimaänderungen hat unser Verhalten heute über das 21. Jahrhundert hinaus massive Auswirkungen", betonen die Wissenschafter in einer Aussendung. Erstmals liefern sie auch Vergleiche, die einem erschreckende Bilder vor Augen führen: Jedes Kilogramm CO2, das wir heute ausstoßen, verursacht langfristig eine Gletscherschmelze von 15 Kilogramm Eis. "Umgerechnet auf ein im Jahr 2016 zugelassenes Durchschnittsauto bedeutet das: Alle 500 Meter Autofahrt geht ein Kilogramm Gletschereis verloren", erklärt der Klimaforscher Ben Marzeion vom Institut für Geographie der Universität Bremen.

Überraschend und frustrierend

In ihren Szenarien haben die Wissenschafter berechnet, welche Effekte die Einhaltung der beim Pariser Klimaabkommen 2015 beschlossenen Ziele auf die fortschreitende Gletscherschmelze hat. Damals hatten sich die Unterzeichner auf eine Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur, wenn möglich, auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau geeinigt. Ziel sind deutlich unter zwei Grad Celsius.

"Schmelzende Gletscher haben einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Meeresspiegels. In unseren Berechnungen haben wir alle Gletscher weltweit - ohne die Eisschilde der Antarktis und Grönlands - berücksichtigt und in verschiedenen Szenarien modelliert", erklärt Georg Kaser, vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck.

Für die Entwicklung der Eisschmelze in den nächsten 100 Jahren mache es demnach keinen signifikanten Unterschied, ob die Durchschnittstemperatur um 2 oder 1,5 Grad Celsius steigt. Zumindest für das laufende Jahrhundert spiele das eine "überraschend und auch frustrierend geringe Rolle", so Marzeion. Etwa 36 Prozent des heute noch in Gletschern gespeicherten Eises würde langfristig auch ohne weiteren Ausstoß von Treibhausgasen schmelzen. Gut ein Drittel des heute noch vorhandenen Eises sei demnach auch mit den ambitioniertesten Maßnahmen nicht mehr zu retten.

Völlig anders gestalte sich die Situation allerdings, wenn der zeitliche Horizont erweitert wird. Denn über das aktuelle Jahrhundert hinaus betrachtet, mache es durchaus einen Unterschied, ob nur das 2-Grad-Ziel oder das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden, betonen die Forscher. Für die Gletscher sei es demnach fünf Minuten nach zwölf.

Methan im Permafrost

Wenn Böden tauen, scheint ein klimatischer Teufelskreis loszubrechen, der die Forscher in ihren Berechnungen vor große Herausforderungen stellt. Denn nicht nur die Gletscher schmelzen weg. Auch die tauenden Permafrostböden wie etwa in der sibirischen Arktis scheinen eine tickende Zeitbombe zu sein. Die Rolle des Treibhausgases Methan, das sich in den Böden befindet, wurde Hamburger Forschern zufolge bisher nämlich unterschätzt. Ein Team um Christian Knoblauch vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit konnte erstmals nachweisen, dass deutlich mehr Methan in tauenden Permafrostböden gebildet werden kann als bisher angenommen. Dabei hängt die Entwicklung auch davon ab, ob die Böden trocken und belüftet, damit sauerstoffreich, sind oder wassergesättigt und ohne Sauerstoff. Letzterer Zustand könnte sogar doppelt so klimaschädlich wirken.