Leipzig/Cambridge. (dpa/gral) Etwa jede vierte Frau und jeder neunte Mann leiden regelmäßig unter Migräneattacken. Wenn es um die Ursachenfindung geht, tappen die Wissenschafter trotz intensivster Forschungsarbeit auf diesem Gebiet allerdings nach wie vor eher im Dunkeln. Vermutlich spielen bei der Entstehung mehrere Faktoren eine Rolle. So gelten eine Störung des Botenstoffhaushalts im Gehirn und eine genetische Veranlagung als Ursachen. Deutsche Anthropologen entdeckten nun jedoch eine genetische Variante, die wichtige Hinweise in dieser Causa liefern könnte. Das Gen spielt eine wichtige Rolle bei der Anpassung an kälteres Klima und wird schon seit längerem mit Migräne in Verbindung gebracht.

Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit vielen möglichen Symptomen, die von Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen über Übelkeit bis hin zu pulsierenden Kopfschmerzen reichen. Laut Weltgesundheitsorganisation steht sie an sechster Stelle der Erkrankungen, die den Menschen am schwersten beeinträchtigen. In der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen nimmt die Migräne laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie unter allen neurologischen Krankheiten den ersten Platz ein.

Über eine Milliarde betroffen

Global soll mehr als eine Milliarde Menschen betroffen sein. In Europa und Amerika ist Migräne jedoch stärker verbreitet als in Afrika und Asien. Eine mögliche Erklärung dafür lieferte nun das Team um den Evolutionsgenetiker Felix Key vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie im Fachblatt "Plos Genetics". So gab es in den letzten 50.000 Jahren verschiedene Wanderungsbewegungen, in deren Verlauf Menschen aus Afrika in die kälteren Breitengrade Europas und Asiens umsiedelten. Diese Kolonialisierung könnte durch genetische Anpassungen begleitet worden sein, die den frühen Menschen halfen, mit den niedrigeren Temperaturen umzugehen, so die Forscher.

Zur Überprüfung dieser Vermutung nahmen sie das Gen TRPM8 in den Fokus, das die Bauanleitung für einen Kälterezeptor ist, der Menschen erlaubt, mit kühlerem Wetter besser umzugehen. Sie entdeckten, dass eine Variante davon in den letzten 25.000 Jahren bei Bevölkerungsgruppen im Norden immer häufiger wurde. Dazu passt, dass den Forschern zufolge nur fünf Prozent der Menschen mit nigerianischen Vorfahren über diese Genvariante verfügen, aber 88 Prozent der Menschen mit finnischer Abstammung. Insgesamt nehme der Anteil der Menschen mit dieser Genvariante in höheren Breitengraden mit kälterem Klima zu. Eben jene Variante wurde von Forschern aber bereits mit Migräne-Kopfschmerzen in Verbindung gebracht.

So vermuten die Studienautoren, dass die Anpassung an kalte Temperaturen früher menschlicher Populationen bis zu einem gewissen Grad beeinflusst, wie häufig Migräne heute in den Regionen vorkommt. Die Untersuchung zeige, wie der evolutionäre Druck der Vergangenheit die heutigen Eigenschaften beeinflusst haben könne, erklärt Key.

Weitergabe in der Familie

Migräne kommt aber nicht nur in bestimmten Breitengraden häufiger vor, sondern auch in einigen Familien. Auch für diese Tatsache haben Forscher nun mögliche Antworten gefunden. So zeigt eine Studie des Teams um Aarno Palotie von der Uni Helsinki und dem US-amerikanischen Broad-Institut in Cambridge, warum manche Familien anfällig für die Kopfschmerzattacken sind und wie die Gene beeinflussen könnten, welche Migräneart sie bekommen.

Die Forscher untersuchten, ob die Weitergabe von Migräne den Mendelschen Erbregeln folgt, deren Ausprägung von jeweils nur einem Gen bestimmt wird, oder ob mehrere Gene an der Ausbildung beteiligt sind (Polygenie). Sie analysierten Daten von 1589 Familien mit Migränebetroffenen.

Wie sie im Fachblatt "Neuron" berichten, erhöhten die polygenen Varianten das Risiko für Migräne erheblich. Umgekehrt spielten einzelne Gene, also die Ausprägung nach Mendel, eine geringere Rolle als gedacht. Die Stärke der polygenen Varianten sei überraschend gewesen. Laut Palotie sind größere Studien nötig, um mehr Genvarianten zu finden, die an der Entstehung von Migräne beteiligt sind. Das sei auch für die Entwicklung neuer Medikamente wichtig.