Evanston/Wien. Jede Zelle im menschlichen Körper kann sich bei Bedarf selbst zerstören. US-Forschern ist es gelungen, den Mechanismus dahinter zu entschlüsseln. Diese Erkenntnis ist von großer Bedeutung, denn Krebszellen können sich vor der Selbstzerstörung schützen, indem sie die Zelltod-Abwehrsignale unseres Immunsystems ignorieren. Der nun entschlüsselte sogenannte "Kill Code" könnte einen Weg ebnen, Tumorzellen angreifbar zu machen - ohne chemische Substanzen.

Die Wissenschafter der Northwestern University in Evanston haben herausgefunden, dass dieser Killer-Code unserer Zellen als as Information in der Ribonukleinsäure (RNA) befindet. Die RNA ist eine organische Säure, die im Gegensatz zur Doppelhelix der DNA nur einsträngig vorliegt. Sie spielt eine Schlüsselrolle bei der Biosynthese von Proteinen und liefert quasi deren Bauanleitung.

Der Code befindet sich allerdings auch in den sogenannten Mikro-RNAs, die eine zentrale Rolle im Zellprozess spielen. Diese lässt sich den Forschern zufolge künstlich herstellen. Wird sie in Krebszellen injiziert, zerstören sich diese selbst. Auch bei der Chemotherapie werden genau diese Mikro-RNAs dazu gebracht, die Zelle in den Tod zu führen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Nature Communications".

Keine Nebenwirkungen

Gegen die schädlichen Mikro-RNAs kann der Körper keine Resistenzen bilden, so die Wissenschafter weiter. Mit dieser Eigenschaft werden sie zu einer potenziell treffsicheren Behandlungsmethode gegen Tumorerkrankungen. "Jetzt wissen wir, dass wir den Kill Code auch ohne den Einsatz von Chemotherapie und ohne Genveränderungen herbeiführen können", betont Autor Marcus E. Peter von der Northwestern University Feinberg School of Medicine. "Wir können die Mikro-RNAs verwenden, um die Zelle zum Zelltod hinzuführen."

Chemotherapien bringen viele unangenehme Nebenwirkungen mit sich. "Mein Ziel war es, keine neue, giftige Substanz zu entwickeln", betont Peter. "Ich wollte der Natur folgen und einen Mechanismus verwenden, der sich aus der Natur entwickelt hat."

Schon im Jahr 2017 war der Forscher diesem Prozess auf die Schliche gekommen, konnte den Mechanismus dahinter aber noch nicht entschlüsseln. Doch schon damals war klar: "Es ist wie ein Suizid, bei dem man sich zeitgleich ein Messer in den Körper sticht, eine Kugel in den Kopf schießt und von einem Gebäude springt. Es ist unmöglich, dies zu überleben." Der nächste Schritt besteht darin, diesen Mechanismus in eine neue Therapiemethode einfließen zu lassen. Das wird noch Jahre dauern, könnte allerdings einen wichtigen Schritt im Kampf gegen Krebs bedeuten.