Wien. Eine der wohl stärksten Waffenkammern der Medizin leert sich zunehmend - die der Antibiotika. Denn weltweit steigt die Resistenz von Krankheitserregern rasant. Kommt es nicht rasch zu Gegenmaßnahmen, werden die Handlungsspielräume immer kleiner, warnen Experten anlässlich der Weltantibiotikawoche.

Besonders widerstandsfähige Keime verursachen europaweit jährlich 33.000 Todesfälle, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Weltweit sind es rund 700.000, so die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ohne gezielte Maßnahmen könnten bis zum Jahr 2050 gar rund 2,4 Millionen Menschen in Europa, Nordamerika und Australien durch multiresistente Bakterien sterben, prophezeit ein OECD-Bericht.

"Das Problem ist seit Jahren bekannt, aber niemand hat zugehört", kritisiert Didier Pittet, Direktor der WHO für Spitalshygiene im Interview mit der "Wiener Zeitung". Es zu lösen, sei grundsätzlich nicht leicht, aber möglich. Wesentlich sei die Zusammenarbeit aller - der Experten, der Regierungen und der gesamten Bevölkerung.

Die Ursache für das Schlamassel sei der sehr großzügige Umgang mit Antibiotika in der Vergangenheit gewesen - sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin, betont die EU-Abgeordnete Karin Kadenbach. In der Viehzucht werden die Substanzen nicht nur präventiv, sondern auch zur Wachstumsförderung eingesetzt. "Beim Menschen setzen wir sie zu oft und häufig auch falsch ein", betont Bernhard Küenburg, Präsident der Semmelweis Foundation. Damit züchtet sich der Mensch Schritt für Schritt seine eigenen resistenten Keime heran.

Aktionspläne auf dem Tisch

Resistenzen führen dazu, dass Menschen zumeist still und schleichend, also nahezu unbemerkt, an Infektionen sterben. "Würde jeden dritten Tag ein Großraumjet abstürzen, wäre in kürzester Zeit alles in Bewegung", skizziert Kadenbach im Zahlenvergleich die Notwendigkeit des Handelns.

Vorschläge liegen bereits zahlreiche auf dem Tisch. So hat das Europäische Parlament erst jüngst einen eigenen Aktionsplan zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen auf den Tisch gelegt. Auch die WHO versucht, mit klaren Empfehlungen, den Verantwortlichen praktisch die Daumenschrauben anzusetzen.

Großes Ziel ist das Zurückdrängen des Antibiotikaeinsatzes in der Viehzucht, um weiteren Resistenzen vorzubeugen. Immerhin verschlinge die Tiermedizin 80 Prozent der Substanzen, schildert Pittet. Im Bereich der Humanmedizin stehen vor allem die niedergelassenen Ärzte im Fokus. 80 Prozent der beim Menschen angewendeten Antibiotika würden immerhin in der Erstversorgung verschrieben. Hier gelte es, Instrumente zur Verfügung zu stellen, die eine bessere und vor allem auch schnellere Diagnose ermöglichen. Damit könnte die Zahl der Verschreibungen drastisch reduziert werden - und das auch im Spitalsbereich.