Folgenabschätzung unmöglich

Hengstschläger nennt dafür gegenüber der Austria Presse Agentur auch Gründe: "Die CRISPR/Cas9-Methode ist ziemlich genau. Sie funktioniert aber nicht immer ganz exakt. Damit kann es zu Effekten abseits des eigentlichen Ziels kommen. Das kann fatal enden. Das hat man nicht im Griff. Darüber hinaus ist es ein Eingriff in die Evolution. Wir verändern den Menschen. Das holen wir nicht mehr zurück." Das menschliche Genom habe sich über Millionen von Jahre im Laufe der Entwicklung des Homo sapiens als Interaktion zwischen Genetik und Umwelt langsam entwickelt. "Bei solchen Versuchen haben wir aber keine Ahnung, was da herauskommt. Zurückdrehen können wir das nicht mehr. Eine Folgenabschätzung ist unmöglich."

"Die Neben- und Spätfolgen sind noch unabsehbar und schwer zu kontrollieren", betont auch Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Sollte es sich bewahrheiten, dass zwei mittels Genschere manipulierte Babys erzeugt worden sind, wäre dies für die Wissenschaft "ein Super-GAU".

Selbst eine der beiden Entwicklerinnen der Technik, die US-Forscherin Jennifer Doudna, hat die Manipulation heftig kritisiert. "Wenn sich das bestätigt, stellt diese Arbeit einen Bruch mit dem zurückhaltenden und transparenten Vorgehen der globalen Wissenschaftsgemeinde bei der Anwendung von CRISPR/Cas9 zum Editieren der menschlichen Keimbahn dar."

Es sei dringend erforderlich, der Genmanipulation bei Embryos klare Grenzen zu setzen. Sie dürfe nur dort zum Einsatz kommen, wo eine deutliche medizinische Notwendigkeit bestehe und keine andere Therapie existiere. Bei HIV sei es gar nicht nötig, so weit zu gehen, so die Experten. Denn mit den modernen Behandlungsmethoden lässt sich eine Schwangerschaft ohne HIV-Risiko erreichen. Verhinderbar sei auch ein Infektionsrisiko während des Geburtsvorgangs.

Bisher wurde die Genschere bereits an mehr als 245 Spezies erprobt - auch beim Menschen. So werden mit CRISPR/Cas9 etwa schon sogenannte chimäre Antigen-Rezeptor-Zellen produziert (CAR T-Zellen), die gegen Blutkrebs eingesetzt werden. Man kann davon ausgehen, dass rund 6000 Erkrankungen mehr oder weniger genetisch bedingt seien. Diese reichen von Morbus Alzheimer über Parkinson und Morbus Huntington bis zu zystischer Fibrose. Mit der Genschere sind neue Therapieverfahren in Aussicht gestellt - ganz ohne Eingriff in die Keimbahn.

Kritik aus den eigenen Reihen

Jiankui erntete auch Kritik aus den eigenen Reihen. Mehr als 100 chinesische Wissenschafter haben sich mittlerweile in einem Protestbrief auf das Schärfste geäußert. "Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden", hieß es in dem am Montag veröffentlichten Schreiben, das 122 Forscher unterzeichneten. "Die Büchse der Pandora wurde geöffnet", ist zu lesen. Ob es noch eine Chance gibt, diese wieder zu schließen, ist noch unklar.