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Wien. Frauen leben länger als Männer. Das gilt für die meisten Säugetiere weltweit im Lauf der Geschichte - ob Krieg oder Frieden, und selbst in Zeiten von Epidemien. In Österreich können Frauen mit 83,2 Lebensjahren rechnen, Männer aber nur mit einem Alter von 77,7. In Russland leben die Männer sogar um zehn Jahre kürzer.

Kommt der Vorsprung daher, dass Frauen gesünder leben? Oder liegt er in den Genen? Forschern zufolge sorgt ein komplexes Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt für ein langes Leben. Sie sind dabei, dieses Zusammenspiel zu entschlüsseln. Etwa fanden sie bei uralten Menschen auffällig häufig ein Gen namens ApoE2. Allerdings sind sie der Ansicht, dass ApoE2 nicht die ganze Geschichte erzählt.

Um das Rätsel der weiblichen Langlebigkeit weiter aufzulösen, hat ein US-Team der University of California in San Francisco das doppelte X-Chromosom der Frau unter die Lupe genommen. Es enthält zahlreiche Gene, die für die Gehirnaktivität codieren, und Erbanlagen für das Immunsystem. Ohne mindestens ein X-Chromosom könnte kein Baby im Mutterleib heranwachsen. Die Frau hat sogar zwei davon, der Mann hingegen hat ein Mal X und ein Mal Y. Das Y-Chromosom enthält Gene, die für die Geschlechtsmerkmale des Mannes codieren, etwa Genitalien oder Gesichtsbehaarung. Überlebensnotwendig ist das laut Forschern jedoch nicht.

Das Team züchtete Labormäuse in vier verschiedenen Kombinationen von Chromosomen und Keimdrüsen: XX mit Eierstöcken und XY mit Hoden, sowie XX mit Hoden und XY mit Eierstöcken. Bis auf die Geschlechtschromosomen waren die Tiere genetisch ident.

Alle Tiere mit XX lebten länger, jedoch erreichten XX mit Eierstöcken das Höchst-Lebensalter bei Mäusen von 30 Monaten. "Man kann sich vorstellen, was die Natur sich dabei gedacht hat", wird Erstautorin Dena Dubal in einer Aussendung zu der im Fachmagazin "Aging Cell" zitiert: "Wer länger lebt, kann sich länger um das Wohlergehen der Kinder und Kindeskinder kümmern."

Die von Emily Davis geleitete Studie ist nach eigenen Aussagen die erste mechanistische Untersuchung zur Langlebigkeit von Frauen. Alle Versuchstiere wurden ihr Leben lang beobachtet. Die Forscherinnen kamen zu ihren Ergebnissen mit Hilfe eines Modells namens Four Core Genotypes, mit dem sich Geschlechter-Unterschiede und -Funktionen präzise analysieren lassen. Dabei wird ein Gen namens Sry manipuliert. Sry sitzt im Y-Chromosom und steuert die Ausprägung männlicher Geschlechtsmarkmale. Für den Versuch setzten Dubal und ihr Team Sry auf ein anderes Chromosom, das die Geschlechtsentwicklung nicht steuert. So konnte das gen vererbt werden, ob die Maus nun ein Y-Chromosom hatte oder nicht.

Wie sich zeigte, lebten Tiere mit weiblichen Geschlechtschromosomen und weiblichen Keimzellen länger, wobei XX die Lebenserwartung am meisten steigerte. "Die Hormone in den weiblichen Keimzellen scheinen über bestimmte biologische Pfade das Leben von Mäusen mit zwei X auszudehnen", betont Dubal. Das Besondere: XX und Eierstöcke befähigten die Tiere erst ab einem fortgeschrittenen Alter von 21 Monaten, das Lebensende nach hinten zu verschieben. Bei XX plus Hoden schützten das zweite X-Chromosom nur vor frühzeitigem Tod, erzeugte aber keine Methusalems. Ab einem Alter von 23 Monaten war der XX-Vorteil verwirkt. Fazit: Wenn das Leben normal lang dauern soll, ist es egal, ob man Eierstock oder Hoden hat - wichtig sind zwei X-Chromosomen. Um aber uralt zu werden, gehören Eierstöcke zu XX dazu.

Und warum? Frühere Forschungsergebnisse hatten gezeigt, dass das zweite X-Chromosom in den weiblichen Zellen für den Großteil des Lebens ausgeschaltet bleibt. Erst wenn notwendig springt X Nummer 2 auf den Plan, etwa wenn bei zellulären Schäden die Aufgaben des defekten X wettmachen muss. Wenn keine Defekte auftreten, bleibt Nummer 2 still, sorgt aber dafür, dass in weiblichen Zellen mehr X zum Ausdruck kommt als in männlichen.