Graben, Hoher Markt, Michaelerplatz – wer denkt bei den touristischen Höhepunkten Wiens schon an Prostitution, lustiges Treiben in gemischten Bädern oder notorische adelige Fremdgeher? Doch genau um diesen Blick geht es Marie-Sophie Iontcheva. Die Stadtführerin beginnt ihren von anzüglichen Anekdoten gespickten Spaziergang durch das alte Wien dort, wo die Wurzeln der Stadt begraben liegen: am Michaelerplatz.

Denn noch bevor die wohl berühmteste Prostituierte der Stadt, Josephine Mutzenbacher, hier umtriebig gewesen sein soll, vergnügten sich im damaligen Vindobona römische Soldaten in den Lupinarien mit den Vorgängerinnen der Mutzenbacher, auch Wölfinnen genannt.

Wer bei der Ausgrabungsstätte im Zentrum des Platzes genau hinschaut, kann Reste einer Fassadenmalerei mit Weinranken eines römischen Wirtshauses entdecken. Wo heute am Kohlmarkt ein internationaler Designer nach dem anderen seine Luxuswaren verkauft, befand sich zu Beginn des 2. Jahrhunderts die Vergnügungsmeile schlechthin. Denn im weströmischen Reich waren 6000 Soldaten an der Donau stationiert – die sich verpflichten mussten, 20 Jahre lang nicht zu heiraten.

Dementsprechend florierte das Geschäft mit der Liebe, die Frauen und Lustknaben waren jedoch Sklaven. Bezahlt wurden die Betreiber mit speziellen Bordellmünzen. Die Spezialwährung wurde eigens geprägt, da das lasterhafte Geschäft nicht mit den Münzen bezahlt werden sollte, die mit dem Konterfei des Regenten geziert waren. Im Kunsthistorischen Museum sind Überbleibsel der Bitcoins des Kaiserreiches ausgestellt. Als Gegenleistung erhielt Mann genau das, was als erotisches Motiv eingeprägt war – und das war einiges.

Aber zurück zur Mutzenbacher: Auch die Geschichte der "wienerischen Dirne" beginnt am Michaelerplatz, genauer im alten Café Grien-steidl. Wo heute Touristen Tassen und Schals mit Klimt-Motiven kaufen, sollen die "Memoiren" der wohl berühmtesten Prostituierten der Literaturgeschichte zu Papier gebracht worden sein. Um die Jahrhundertwende traf sich hier der Wiener Literatenkreis stundenlang im Kaffeehaus. Neben Arthur Schnitzler und Peter Altenberg gehörte auch Felix Salten zu der Gruppe.

Eben jener gilt als Autor des 1906 erschienenen pornografischen Romans über das Sexualleben der Wienerin, die nichts und niemanden ausgelassen hat. Bruder, Vater, Bettgeher, Pfarrer – die Mutzenbacher müsste hochgerechnet mit 33.000 Männern in ihrem 52 Jahre andauernden Leben geschlafen haben. Zudem beginnen ihre Abenteuer, die sie bereits als Kind ohne Abwehr und mit Freude eingeht, ziemlich früh: Mit fünf Jahren lässt sie sich von einem Bettgeher begutachten, mit sieben hat sie beim Mutter-Vater-Kind-Spiel das erste Mal Sex mit ihrem Bruder und den Nachbarsburschen. Auch wenn Salten nicht bestätigte, dass er der Autor war – abgestritten hat er es auch nie. Der Mann, der später berühmt wurde, weil sein Kinderbuch "Bambi" von Walt Disney verfilmt wurde, soll von den vielen Erzählungen, Prahlereien und Fantasien der Herren im Kaffeehaus zu dem schlüpfrigen Werk inspiriert worden sein, das es mit jeder modernen Porno-Webseite aufnehmen kann.

Die Mutzenbacher gab es also nie wirklich – und sie ist doch ein Kind ihrer Zeit. Wie auch die Mutzenbachers im Buch leben Ende des 19. Jahrhunderts viele Leute in ärmlichen Verhältnissen, gedrängt in kleinen Wohnungen in den Vororten Wiens. Bis zu 15 Personen wohnten auf 30 Quadratmetern. Wegen des rasanten Anstiegs der Bevölkerung und der Armut wurden die wenigen Schlafstätten zusätzlich an fremde Bettgeher vermietet. Wie auch um Josephine und ihre Geschwister kümmerte sich seinerzeit so gut wie niemand um die Kinder, die, wenn überhaupt, nach sechs Jahren Schule Geld heimbringen mussten. Das typische Schicksal für Mädchen wie Josephine: Fabrikarbeiterin, Dienstmädchen oder Waschfrau – knochenharte Arbeit zu desaströsen Bedingungen.

Doch die Mutzenbacher sagt in ihrem Vorwort zu ihren "Memoiren" schon, sie wollte nicht als "abgerackerte, stumpfsinnige Proletarierfrau" zugrunde gehen und auch nicht im "Dreck der Vororte ersticken". Sie wählte eine Alternative, nämlich, ihr Geld als Dirne in der Innenstadt zu verdienen.

Am (Kreide-)Strich

Die Führung durch das sündige Wien bleibt jedoch auf der heiteren Seite. Auf den Spuren der Schwestern der Mutzenbacher erfährt man über das Mittelalter mit seiner eher lockeren Sexualmoral und den zahlreichen Badestuben, etwa in der Neubadgasse. Die orientalische Badekultur wurde in Wien als Mitbringsel von den Kreuzzügen eingeführt. In den Badezubern wurde nicht nur gewaschen und geplanscht, was letztlich dazu führte, dass die Syphilis ebenfalls Einzug hielt. Allerdings wurde das Baden für die Geschlechtskrankheit verantwortlich gemacht, was zur Folge hatte, dass Badestuben geschlossen wurden und das Waschen verpönt war.

Im 18. Jahrhundert, also schon zu Zeiten Mozarts, ging es den Reichen und Schönen am Graben vor allem um Sehen und Gesehen werden. Die "Grabennymphen" versuchten ihr Geschäft insbesondere um die Pestsäule herum zu machen. Um das Treiben einzudämmen, wurden in den umliegenden Gassen allabendlich mit Kreide Begrenzungen gezogen, die die Prostituierten nicht übertreten durften. Wer "am Strich" auf und ab ging, war damals deshalb schnell ausgemacht.

In der Wallnerstraße gibt es pikante Anekdoten zur gar nicht so biederen Biedermeierzeit. So sollen sich Fürst Metternich Junior und Senior dieselbe Geliebte geteilt haben – zur selben Zeit. Die "Sardellenkönigin", die Tochter eines namhaften Delikatessenhändlers, arbeitete hier untertags im Geschäft, während sich des Nachts Vater und Sohn die Klinke in die Hand drückten. Die zahlreichen Geliebten Metternichs wusste er auch politisch zu nutzen. So setzte er sie als Spioninnen ein und wusste so über die intimsten Geheimnisse anderer Herren in der Stadt Bescheid.

Die Tour endet am Hohen Markt. Wo heute viele Wien-Besucher die Ankeruhr und den Vermählungsbrunnen besichtigen, befand sich in dunkleren Zeiten die alte Schranne. Hier verkündete der Richter lauthals seine Urteile. Schwere Verbrecher wurden am Galgen erhängt, Kleinkriminelle wie Würfelspieler und Prostituierte wurden an den Pranger gestellt. Eingesperrt im "Narrenkötterl", einem Käfig aus Eisenstäben, bewarfen Schaulustige die Verurteilten mit Fischresten vom Fischmarkt, der ebenfalls auf dem Platz angesiedelt war.

Wiener Doppelmoral

Prostitution fand in Wien die meiste Zeit im Verborgenen statt. Zur Zeit Kaiser Franz Josefs, also zur Zeit der Mutzenbacher, war das Geschäft mit der Liebe verboten, aber es gab de facto Bordelle mithilfe von Scheingeschäften. So war der "Kleidersalon" der Madame Riehl im 19. Bezirk nicht für seine Wäsche bekannt. Sie zwang die Mädchen zum Anschaffen, und durch gute Kontakte zu einem hohen Polizeifunktionär konnte ihr kaum einer etwas anhaben. "Die Doppelmoral – ganz typisch für Wien", meint Iontcheva. Griff der Kaiser nämlich bei der Bevölkerung hart durch, so trieb er es selbst doch ziemlich bunt, sagt die Stadtführerin und verweist auf eine eigene Führung zum Thema Habsburg und Eros ob der Fülle an Skandalen und Geschichten.

Die Illegalität des Gewerbes bestand in Wien bis in die 1960er Jahre. Einschlägige Clubs und "Vereine" fanden sich vor allem am Rande der Stadt, am Gürtel. Gelegenheiten im Zentrum der Stadt gab es aber etwa auch im Café Rabe. Dort, wo heute das Restaurant Levante Fisch und Fleisch vom Grill serviert, wurde über Tischtelefone Kontakt aufgenommen. Um die Ecke, in einer unscheinbaren kleinen Gasse, ging es dann aufs Zimmer. Pikant dabei: Das Haus gehörte damals dem Vatikan.

Bis zum Jahr 2012 fand sich offiziell kein einziges Bordell im Firmenbuch der Hauptstadt. Seit einer Gesetzesnovelle sprießen die Laufhäuser jedoch wie Pilze aus dem Boden, während das Anbieten von Sex gegen Geld offiziell von den Straßen verbannt wurde.

Gingen die Kolleginnen der Josephine Mutzenbacher um die Jahrhundertwende noch in der Wiener Innenstadt in Häusernischen und Stiegenhäusern am Graben, Stephansplatz und rund um die Kärntner Straße ihrem Geschäft nach, so kann man sich das heute wohl kaum mehr vorstellen.