Die Digitalisierung zwängt uns Geschwindigkeiten auf, die wir gar nicht mehr wahrnehmen. Warum haben wir es heute so eilig?

Wenn wir von Digitalisierung sprechen, meinen wir Technologien, die mit Lichtgeschwindigkeit Signale verarbeiten. Das ist viel zu schnell für uns. Wir können nur zuschauen, wie Computer mit Computern kommunizieren und sich Uhren über GPS mit Uhren verbinden. Das sagt uns nicht, wer wir sind, sondern wo wir sind. Die Risiken dieses Technik-Netzes können wir kaum noch einschätzen.

Das dachten die Menschen auch, als die Eisenbahn erfunden wurde. Peter Rosegger zufolge hielten sie die Bahn damals für ein Machwerk des Teufels...

Natürlich hatte man damals bei Zug-Geschwindigkeit ein unangenehmes Gefühl, weil der Sprung vom Pferdewagen so groß war. Aber ansonsten würde ich Ihnen widersprechen, denn bei der Eisenbahn hat man noch etwas gesehen: Riemen, Kolben, Pumpen und Menschen, die Kohle schaufelten, um die Lok anzutreiben. Bei digitalen Geräten hören wir nichts, sehen nichts, riechen nichts. Und auf einmal ist unser Arbeitsplatz weg, weil das Unsichtbare, das wir mit dem netten Wort Weichware, also Software, beschreiben, vor sich hin rechnet. Die Tätigkeit, die wir vorher im Schweiße unseres Angesichts gemacht haben, erledigt sie still und leise - und ganz allein. Das war bei der Lokomotive anders: Wenn sie nicht mit Kohlen befeuert wurde, stand sie. Bei Computern können wir nicht einmal sicher sein, dass sie wirklich ausgeschaltet sind, nachdem wir die Off-Taste gedrückt haben.

Wohin führt diese Beschleunigung?

Die Astronauten, die zum Mond flogen, waren mit 11,4 Kilometern pro Sekunde am schnellsten von allen Menschen unterwegs. Licht reist mit 300.000 Kilometern pro Sekunde durchs All. Wir verwenden Lichtgeschwindigkeit auf der Erde, damit Börsen kommunizieren und Computer miteinander handeln können. Diese Ultra-Beschleunigung hat Auswirkungen auf den Alltag. Wir haben die enorme Zeitverdichtung, die mit der Lokomotive begonnen hat, an die Spitze getrieben. Mit Lichtgeschwindigkeit sind wir am Rande der erkennbaren Wirklichkeit angekommen. Zwischen der höchsten Wirkungstransportgeschwindigkeit und der Quantenmechanik, die die kleinste Wirkung ist, liegen viele technischen Möglichkeiten. Wir aber bedienen uns der Extremwerte, um zu kommunizieren und zu automatisieren. Obwohl wir Menschen gerade 100 Jahre alt und 90 Kilogramm schwer werden und uns mit ein paar Metern pro Sekunde fortbewegen, haben wir es den ganzen Tag mit Extrem-Zeiten zu tun, um unseren Fortschritt befördern. Um diese Zeitkompression vorzunehmen, brauchen wir Energie. Jeder ist ständig im Zustand eines Intensivmediziners. Auf dem Smartphone geht es immer um Leben und Tod, man muss ständig erreichbar sein, wir ringen um Deadlines und machen hunderte Dinge gleichzeitig.