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Wien. Keine Milch. Keine Semmeln. Kein Rotwein. Keine Nüsse. Keine Eier. Kein Fisch. Wie kommt es, dass derart viele Menschen gegen bestimmte Nahrungsmittel allergisch zu sein scheinen, dass Wirte auf Speisekarten die 14 Allergene eigens ausschildern müssen und Restaurants speziell für Allergiker respektable Gewinne machen? Liegt es an übertriebener Hygiene, die den Aufbau der Immunabwehr stört, oder an versteckten Stoffen der Nahrungsmittelindustrie? Zum Teil. Vieles ist aber auch Einbildung, sagen Experten. Diese Erkenntnis wische unerwünschte Reaktionen auf Nahrungsmittel zwar nicht vom Tisch - sie helfe jedoch, diese richtig einzuordnen.

In den USA leiden ganze zehn Prozent der Erwachsenen tatsächlich an einer oder mehreren Lebensmittelallergien, berichtet das Team Northwestern University im US-Staat Illinois im Fachmagazin "Jama Network Open". Fast doppelt so viele Menschen (19 Prozent) glauben hingegen, dass sie an einer solchen leiden, obwohl dem nicht so ist. Deren Symptome seien zwar unangenehm, jedoch auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten zurückzuführen. Bei Allergikern können bereits Spuren des Auslösers zu heftigen Reaktionen und sogar lebensbedrohlichen Zuständen führen. Bei Intoleranzen fehlen der Verdauung bestimmte Enzyme, was zu Bauchschmerzen, Krämpfen, Durchfall, Müdigkeit oder Kopfweh führen kann.

Grundlage der am Ann & Robert Lurie-Kinderspital in Chicago durchgeführten Analyse ist eine US-weite Studie an 40.000 Erwachsenen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache im Land des Fast Food. "Eine von zehn Personen hat tatsächlich eine Lebensmittelallergie, während eine von fünf sich selbst für allergisch hält, obwohl die Symptome dem nicht entsprechen", wird Erstautor Ruchi Gupta in einer Aussendung des Hospitals zitiert. Statt Lebensmittel auf Verdacht vom Speiseplan zu streichen, empfehle es sich, zuerst eine solide medizinische Diagnose beim Arzt einzuholen. Dafür wolle jedoch nur die Hälfte der betroffenen Amerikaner aufkommen.

Die häufigste US-Lebensmittel-Allergie tritt laut den Studienautoren gegen Meeresfrüchte mit 7,2 Millionen der 26 Millionen Allergiker Amerikas auf. Dahinter reihen Milch (4,7 Millionen), Erdnüsse (4,5), sonstige Nüsse (3), Fisch (2,2), Eier (2), Weizen (2), Soja (1,5) und Sesam mit 0,5 Millionen Betroffenen. Interessanterweise entwickelte die Hälfte der Testpersonen mindestens eine Allergie erst im Lauf des Lebens, allerdings können die Forscher vorerst noch nicht erklären, warum dem so ist.

Auch in Österreich vermeinen immer mehr Menschen, an Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten oder -Allergien zu leiden. Die Angst vor Gluten, Histamin, Fruktose oder Laktose -die eigentlich natürliche Bestandteile von Lebensmitteln sind - scheint größer zu werden, Kochen und Essengehen schwieriger.

"Nicht die Menschen ändern sich, sondern die Ernährungsgewohnheiten", begründet Stefan Wöhrl vom Allergiezentrum Floridsdorf in der "Austria Presse Agentur" die Entwicklung. Der durchschnittliche Fruktosegehalt in Nahrungsmitteln etwa habe sich von etwa 20 Gramm in den 1960er Jahren auf über 80 Gramm in den 1990ern gesteigert. Fruktosequellen wie Maisstärke seien billig, daher sei sie häufig in Fertiggerichten zu finden. "Der Körper ist dadurch einfach überlastet." Vieles werde allerdings auch hierzulande als Intoleranz oder Allergie bezeichnet, das keine ist. Echte Nahrungsmittelallergien würden in Österreich lediglich ein bis drei Prozent der Bevölkerung betreffen, fasst Gunter Sturm von der Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie zusammen.