He Jiankui war ein Paradeforscher im Reich der Mitte. Der Sohn eines Reisbauern absolvierte das Studium der Biophysik an der Universität für Wissenschaft und Technologie in der ostchinesischen Stadt Hefei. Danach ging er an die ebenso renommierten US-Hochschulen Rice und Stanford. Über Pekings Rückholprogramm "1000 Talente" bekam er eine Stelle an der Fakultät für Biologie der Süd-Universität für Wissenschaft und Technik in der Forschungsmetropole Shenzhen.

Nachdem er sich dort etabliert hatte, nahm er unbezahlten Urlaub, um sich, wie der britische "Economis" berichtet, einem unternehmerischen Forschungsprojekt zu widmen. Dabei sollte das Erbgut von Embryonen verändert werden und sollten die manipulierten Babys zur Welt kommen. Das Ergebnis sind die ersten genveränderten Menschen.

He verkündete im November auf YouTube, er hätte die Zwillinge namens Lulu und Nana mit der Genschere Crispr/Cas9 gegen den Aidserreger HIV resistent gemacht. Illegale Bastelei, hagelte es aus aller Welt Kritik: Eingriffe in die Keimbahn und damit in die Evolution seien bar jedes wissenschaftlichen Ethos’. Auch Peking distanzierte sich und kündigte Bestrafung für den mittlerweile von seiner Universität beurlaubten Forscher an. Er habe gegen Chinas Vorgaben für künstliche Befruchtung durch In-vitro-Fertilisation (Voraussetzung für Veränderungen an embryonalen Zellen) verstoßen, ließ die Regierung am Montag über die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua verlauten.

Ob He in jemandes Auftrag gehandelt hatte - immerhin waren die Experimente offiziell angemeldet -, thematisiert die Agentur nicht. Ein Außenseiter, der mit einer angesagten Technologie plötzlich die Bühne der internationalen Wissenschaft betritt, wäre jedoch durchaus in Pekings Sinn. Keine Kosten und Mühen scheut China auf dem Weg zur Forschungsspitze. Und es sät die Saat so konsequent, wie man es von Diktaturen erwartet.

Die Elite ist das Ziel

Technologieführerschaft, wie sie etwa in den USA seit der Zwischenkriegszeit langsam gewachsen ist und auch dort zunächst militärischen Zwecken diente, will China im Schnelldurchlauf erreichen. Forschung, Wissenschaft und Technologie genießen oberste Priorität in der nationalen Strategie - die Elite ist das Ziel. Dabei übertrifft China sich in allen Messgrößen selbst. Militärausgaben: Steigerung um 200 Prozent auf rund 176 Milliarden US-Euro von 1997 bis 2017, und Forschungsausgaben: Erhöhung von nahezu null auf rund 370 Milliarden Euro.

In den vergangenen Jahrzehnten investierte China enorme Summen in High-Tech-Forschungsparks, Nachwuchsdoktoranden, den Aufbau von international tätigen Konzernen, wissenschaftliche Publikationen und Patente. "Gestützt von einer flexiblen Unternehmenskultur, konnte das Land große Sprünge zur globalen Wettbewerbsfähigkeit machen", erläutert Richard Appelbaum von der University of California in seinem Buch "Innovation in China".

Zu den Ergebnissen zählt nicht zuletzt die erste Landung auf der Rückseite des Mondes. Eine mittlerweile vielfältige Raumfahrtindustrie entwickelt Komponenten für eine geplante Raumstation im All, während die Medizin stets die Umsetzbarkeit von Grundlagenforschung im Auge behält. Oftmals arbeiten Laborforscher, klinische Forscher und Unternehmen unter einem Dach, um aus grundlegenden Erkenntnissen auf möglichst direktem Weg Medikamente zu machen. China führt im Gebiet Batterienforschung, veröffentlicht wichtige Erkenntnisse zur Dunklen Materie und setzt zunehmend auf nachhaltige Energiegewinnung.

Doch der Weg nach oben hat Schattenseiten. Zwar hat kein Land in den vergangenen 15 Jahren die Menge seiner wissenschaftlichen Publikationen so stark gesteigert wie China: Nach 10.000 im Jahr 2003 überholte die Volksrepublik mit deren 420.000 im Jahr 2016 sogar die USA. Doch die Quantität geht oft zulasten der Qualität. Appelbaum und sein Team haben die Arbeiten von 731 Forschern an Top-Unis in China analysiert und festgestellt: "Eine erhebliche Anzahl an Wissenschaftern plagiarisieren die Arbeiten von Kollegen oder erfinden Ergebnisse, damit sie bei der jährlichen Leistungsevaluierung bestehen können", berichten die Forscher im Fachblatt "Nature". In der Forschung ist der Druck offenbar so groß, dass der Zweck nicht selten die Mittel heiligt.

Laut dem Internet-Magazin "Statnews" hatte auch He seine Arbeit zur Publikation eingereicht, bevor er damit an die Öffentlichkeit ging. Sie wurde jedoch abgelehnt. Über Hes Expertise zeigte eine der beiden Erfinderinnen der Gen-Schere Crispr/Cas 9, Jennifer Doudna, bei einer Fachtagung Ende November in London bestürzt. "Ich war fassungslos, als er seine Methodik erklärte", sagte sie: "Die Durchführung war auf vielen Ebenen unsachgemäß."

Verordnete Kreativität

Bisher wurde aus China nur die Pharmakologin Tu Youyou im Jahr 2015 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Sie isolierte den zur Behandlung der Malaria eingesetzten sekundären Pflanzenstoff Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß. Der Weg zu mehreren Nobelpreisen ist jedoch lang. Und es stellt sich die Frage, ob dieser Weg mit Diktatur vereinbar ist. Schmerz-Experimente an Zwillingen im Nationalsozialismus oder Pläne der Sowjets, Affenköpfe auf Menschenkörper zu verpflanzen, sind zwei Beispiele für historische Tiefpunkte der Wissenschaft. Babys bedenkenlos genetisch zu verändern klingt wie ein weiterer, ebenso wie das größte gesellschaftliche Experiment der Geschichte, das derzeit in China voll am Laufen ist. Um Algorithmen für Künstliche Intelligenz zu trainieren, wird dort ein "Social Score" vergeben. Smartphone-Besitzer erhalten Pluspunkte für gefälliges Verhalten, das das Gerät aufzeichnet und meldet. Zur Belohnung gibt es Gratis-Tickets, Vorzüge bei Sonderangeboten im Internet und Bots, die einem einen guten Ruf in den sozialen Medien verleihen. "Eine von einer Einparteiendiktatur nachbearbeitete wissenschaftliche Supermacht flößt zu Recht Angst ein", schreibt der "Economist" in einem Leitartikel.

"Natürlich ist fraglich, ob gute Wissenschaft mit Diktatur vereinbar ist. Man kann Kreativität nicht verordnen. Es hat seinen Grund, warum im österreichischen Grundgesetz die Freiheit der Forschung postuliert ist. In einem Fünf-Jahres-Strategieplan lässt sie sich nicht umsetzen", sagt Hannes Androsch, der Chef des Rats für Forschung und Technologieentwicklung. Exzellente Wissenschaft könnte China allerdings auch von innen verändern. Expertise, gute Ideen und Kreativität machen vor keinen Grenzen Halt, die Wissenschaft lebt von Zusammenarbeit.

Gerade der laufende Austausch mit Kollegen aus aller Welt könnte Chinas Forscher motivieren, internationale Regeln einzuhalten. Andererseits sind kritisches Denken, Skepsis, empirische Prüfung und Faktenorientiertheit genau jenes Rezept, das Herrscher, die kontrollieren wollen, was die Bevölkerung tut und denkt, gefährlich werden kann.