Bonn. Es ist, als würden sie plötzlich sagen: Rauchen ist doch gesund. Mehr als 100 deutsche Lungenspezialisten bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide. Sie sehen nach eigenen Angaben keine wissenschaftliche Begründung, die die geltenden Werte rechtfertigen würden, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme.

So hätten viele Studien, die Gefahren durch Luftverschmutzung zeigen sollen, erhebliche Schwächen. Zudem seien Daten in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden. Die Lungenexperten fordern, dass relevante Untersuchungen neu bewertet werden.

Die Fachleute stellen sich damit auch gegen ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, das Ende 2018 veröffentlicht worden war. Darin hieß es, "Studien zeigen, dass die Feinstaubbelastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist."

Tote durch Langzeitbelastung

Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid - der Jahresmittelwert darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten - gelten in der EU seit dem Jahr 2010. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Auch für Feinstaub gibt es Grenzwerte. An Orten, wo sie über längere Zeit deutlich überschritten werden, drohen etwa Fahrverbote für Autos mit sehr hohem Schadstoffausstoß.

Experten haben erst jüngst berechnet und bekannt gegeben, dass Tausende Menschen vorzeitig an Folgen von Luftverschmutzung sterben - laut deutschem Umweltbundesamt im Jahr 2014 etwa 6000 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien. Zudem gebe es rund 66.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch die Folgen von Feinstaub in der Luft.