Wien. Es steht für Reinheit und Langlebigkeit, fungiert als Glücksbringer und Liebesoffenbarung. Der Legende nach soll es ein vom Himmel gefallener Stern sein. Oder aber auch aus den Tränen einer enttäuschten Eisjungfrau entstanden sein. Niedergeschlagen über die Untreue ihres geliebten Jägers, zauberte sie vor ihrem Todessprung in eine Gletscherspalte Tränen in Form von weißen Sternen an die Felsen, heißt es. Die Rede ist vom Edelweiß, in das die Medizin neuerdings große Hoffnung setzt. Für das Jahr 2019 wurde es zur Heilpflanze des Jahres gekürt.

Leontopodium alpinum, das Alpenedelweiß, wird schon seit Jahrhunderten in der traditionellen Volksmedizin verwendet. Extrakte aus verschiedenen Pflanzenteilen wurden zur Behandlung von Bauchschmerzen, Erkrankungen der Atemwege, Herzkrankheiten, aber auch gegen Ruhr und Durchfall eingesetzt. Deshalb war es lange Zeit auch als Bauchwehblume bekannt. Doch irgendwann scheint es in Vergessenheit geraten zu sein. Bis die Kosmetikindustrie vor ein paar Jahren auf das wollig-weißfilzig behaarte und robuste, kleine Pflänzchen mit seinen Extrakten aufmerksam wurde. Im Anti-Aging-Bereich genießt es mittlerweile ein hohes Ansehen.

60 Wirksubstanzen

Bisher konnten mehr als 60 Inhaltsstoffe ausgemacht werden, die auch in der Medizin eine spannende Grundlage bieten können. "In einem Forschungsansatz zur Suche nach neuen Wirkstoffen für die Behandlung von Gefäß- und Herzerkrankungen konnte das Edelweiß als Quelle sehr wirksamer Verbindungen identifiziert werden", berichtete David Bernhard vom Zentrum für medizinische Forschung der Medizinischen Fakultät der Johannes-Kepler-Universität Linz im Rahmen der Präsentation des Gewächses als Heilpflanze des Jahres.

Jährlich rückt die Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA), die als Netzwerk daran arbeitet, Naturstoffe und pflanzliche Arzneistoffe zu entwickeln, mit ihrer Kür eine auserwählte Pflanze in den Mittelpunkt. Diese sollte jeweils wissenschaftlich von Interesse, für die Medizin und Pharmazie von Bedeutung sein, neue Einsatzgebiete ermöglichen und einen Bezug zu Österreich herstellen. Das Edelweiß wird den Kriterien absolut gerecht.

Die zwei Verbindungen Leoligin und 5-Methoxyleoligin werden derzeit als besonders effektive und mächtige Wirkstoffe gehandelt, betonte Bernhard. Leoligin schützt dem Mediziner zufolge Gefäße vor Verkalkung, senkt das Cholesterin im Blut und reduziert das Anschwellen des Blutzuckerspiegels nach den Mahlzeiten. 5-Mehtoxyleoligin wird derzeit auf seine Eignung als Inhaltsstoff einer "Spritze gegen Herzinfarkt" getestet. Zudem konnten entzündungshemmende, antimikrobielle und antioxidative Wirkungen nachgewiesen werden, erklärte HMPPA-Präsident Hermann Stuppner, Pharmazeut an der Universität Innsbruck.

Kultiviert und synthetisch

Um die Extrakte gewinnen zu können, werden die Pflanzen allerdings nicht in halsbrecherischen Aktionen aus den Felsspalten und von den Berggipfeln geholt. Damit würde man sich auch regelrecht Ärger mit den Behörden einhandeln. Denn das Edelweiß steht in Österreich immerhin schon seit dem Jahr 1886 unter strengstem Naturschutz. Raubgut aus den Alpen muss auch nicht sein. Denn mittlerweile steht die Pflanze auch kultiviert zur Verfügung, um an ihr zu forschen. Hergestellt werden die Substanzen auch schon synthetisch im Labor. Der Vorteil dabei ist, dass die Wirkstoffe damit auch in großen Mengen produziert werden können.

Derzeit steht die Entwicklung von Arzneiprodukten allerdings noch aus. Doch die aktuelle Forschungslage könnte dazu beitragen, dass dem Edelweiß schon in den nächsten Jahren auch in der Medizin wieder mehr Bedeutung zugesprochen wird. Die nunmehrige Kür ist ein erster Schritt.