Die Netzhaut eines gesunden Erwachsenen (links) im Vergleich zu der eines Alzheimer-Kranken. - © Duke Eye Center
Die Netzhaut eines gesunden Erwachsenen (links) im Vergleich zu der eines Alzheimer-Kranken. - © Duke Eye Center

Durham/Wien. Eines Tages wird es Augenärzten möglich sein, nicht nur Sehstörungen ihrer Patienten zu erkennen und Dioptrien zu bestimmen, sondern auch neurologische Veränderungen frühzeitig festzumachen. Denn ein auf der Netzhaut sichtbarer Verlust von Blutgefäßen könnte auf eine beginnende Alzheimer-Erkrankung hindeuten - und das, noch bevor Symptome entstehen, berichten Forscher des Duke University Medical Center. Damit ließe sich künftig die Gehirngesundheit direkt auf der Retina ablesen.

Seit einiger Zeit ist es Medizinern schon möglich, etwa Diabetes in der Frühphase zu erkennen, denn die Netzhaut gibt viele Daten über den Gesamtzustand eines Menschen preis. Sie ist ein regelrechtes Abbild unseres Gehirns und gibt Einblick in aktuelle oder drohende Erkrankungen sowie den Lebensstil eines Menschen, betonen Experten.

Der Einzug der Artificial Intelligence in den medizinischen Alltag ermöglicht es heute, diese im Auge verankerten Botschaften auch lesen zu können. Eine noch junge Technologie, nämlich die sogenannte optische Kohärenztomografie (OCT), bietet diese Einblicke. Mit ihr entstehen innerhalb von 1,2 Sekunden rund 40.000 Scans mit einem Gesamtvolumen von 65 Millionen Bildpunkten - ein riesiger Datenschatz aus dem Auge eines Patienten.

- © Edler von Rabenstein - stock.ado
© Edler von Rabenstein - stock.ado

"Statistisch signifikant"

Bei gesunden Menschen zeigt sich auf der Retina ein dichtes Netz an Blutgefäßen. Alzheimer-Patienten weisen hingegen ein weniger dichtes Raster und teilweise sogar besonders dünn besiedelte Bereiche auf, berichtet das Forscherteam um Sharon Fekrat im Fachblatt "Ophthalmology Retina". Diese Unterschiede stellten die Wissenschafter anhand einer Untersuchung von 200 Probanden fest. Sie berücksichtigten dabei auch Faktoren wie Alter, Geschlecht und den Grad der Ausbildung. Demnach seien die Differenzen "statistisch signifikant", betont Fekrat in der Publikation.

Es könnte sein, dass diese Veränderungen in der Dichte der Blutgefäße den Zustand der feinen Gefäße im Gehirn widerspiegeln, so die Medizinerin. Und das möglicherweise sogar noch bevor erste Symptome auftreten, die den unaufhaltsamen Gedächtnisverlust bescheinigen. Erinnerungslücken, Orientierungslosigkeit und Verwirrung sind nur einige Anzeichen, die das Leben von Menschen mit Alzheimer-Demenz prägen. Krankhaft veränderte Tau-Proteine sowie Ablagerungen von veränderten Eiweiß-Bruchstücken - den sogenannten Amyloid-Beta-Plaques - im Gehirn führen zu diesen Funktionsstörungen und schließlich zum Tod von Nervenzellen.

Nicht heilbar

Erst jüngst haben Forscher einen Bluttest präsentiert, mit dem sich die Erkrankung frühzeitig erkennen lässt. Mit sogenannten Cholinesterase-Hemmern, Nootropika wie Ginkgo biloba oder Gedächtnistrainings kann dann zumindest die Leistungsfähigkeit des Gehirns länger erhalten bleiben.

In Österreich leiden geschätzte 100.000 Menschen an Morbus Alzheimer. Im Jahr 2050 könnten es mehr als doppelt so viele sein. Heilbar ist die Erkrankung nicht, denn einmal abgestorbene Nervenzellen können nicht wieder hergestellt werden.