Der Überbiss, bei dem Unterlippe und obere Schneidezähne in Kontakt kommen, ermöglicht seit der Steinzeit F-Laute. - © lassedesignen - stock.adobe.com
Der Überbiss, bei dem Unterlippe und obere Schneidezähne in Kontakt kommen, ermöglicht seit der Steinzeit F-Laute. - © lassedesignen - stock.adobe.com

Zürich. (est/sda) Hartes Fleisch und zähe Pflanzen: Jäger und Sammler nutzten das Gebiss als Werkzeug fürs Grobe. Was sie zum Essen erjagten und fanden, mussten sie mit den Zähnen zerteilen und zerkleinern, um es kauen und schlucken zu können.

Als nützlich erwies sich dabei eine bestimmte Zahnstellung, die sich bis zum Erwachsenenalter ausprägte. Sie wird im Fachjargon Kopfbiss genannt: Obere und untere Schneidezähne kommen Kante auf Kante zu liegen.

Mit der Erfindung der Landwirtschaft in der Jungsteinzeit veränderte sich jedoch die Zahnstellung. Neue Verarbeitungsmethoden setzten weichere Gerichte auf den Speiseplan, die die Menschen leichter zu sich nehmen konnten, und der Kauapparat musste weniger kräftig zur Sache gehen. Über die Folgen für Zahnstellung und Gebiss berichtet ein internationales Forschungsteam. Das Überraschende: Die Veränderungen im Kiefer wirkten sich offenbar auch auf die Sprache aus. Laut der im Fachmagazin "Science" veröffentlichten Studie ebneten sie den Weg für die Laute "F" und "V".

Die menschliche Sprache kennt sehr verschiedene Laute, vom allgegenwärtigen "M" oder "A" bis hin zu den seltenen Klick-Konsonanten einiger Sprachen im Süden Afrikas. Bisher war die gängige Theorie, dass diese Laute seit dem Auftauchen des Homo sapiens vor 300.000 Jahren in Gebrauch sind. Die Forscher um Damian Blasi von der Universität Zürich berichten anderes über die Evolution des gesprochenen Wortes. Ihnen zufolge sind die Laute "V" und "F" eher neu und neuen Mahl- und Kochtechniken infolge der Landwirtschaft geschuldet.

Als sich weichere Nahrungsmittel verbreiteten, entwickelte sich auch der Kiefer weiter. Der Überbiss, bei dem die oberen Zähne etwas über die unteren hinausragen, überdauerte laut den Forschern vom Kindes- ins Erwachsenenalter. Labiodental ist der Fachbegriff für Menschen, bei denen Unterlippe und obere Schneidezähne in Kontakt kommen. Diese Kieferstellung kommt in der Hälfte aller Sprachräume vor. Dass die Ernährung indirekt über die Gebissstellung eine wichtige Rolle für die Entstehung dieser Laute spielen könnte, hatte der Linguist Charles Hockett bereits im Jahr 1985 vorgeschlagen. Laut einer Aussendung ihrer Universität erbringen die Zürcher Forschenden mit Kollegen aus Deutschland, Frankreich und Singapur den Nachweis.

Wie sie erklären, erleichtert ein leichter Überbiss im Vergleich zum Kopfbiss, diese Laute zu machen: Menschen mit Überbiss benötigen dafür nur zwei Drittel Muskelkraft, zeigen biomechanische Computersimulationen. Zudem erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, diese Laute zufällig zu erzeugen, während man andere Laute artikuliert, berichtet Studienautor Balthasar Bickel. Weiters analysierten die Wissenschafter den indogermanischen Sprachraum, der von Island bis Indien reicht: "Wir haben exakte Daten, welche Zubereitungstechniken und Ernährungsgewohnheiten sich wann und wo entwickelt haben", erklärt Bickel. Daraus leitet er Vorhersagen ab, wann die Labiodentalen in welchen Sprachen aufgekommen sein könnten.

Parallel dazu nutzten die Wissenschafter Kenntnisse über die Verwandtschaftsverhältnisse der Sprachen, um einen Stammbaum der Laut-Entwicklung in den indogermanischen Sprachen zu erstellen. "Wir hatten gute Kalibrierungspunkte dank historischer Dokumente, in denen Grammatiker die Aussprache festhielten", erklärt Bickel. Als Beispiel nennt er 2500 Jahre alte Aufzeichnungen über die Aussprache im Sanskrit.

Die Biologie des Sprechens

Das Team konnte modellieren, wann sich Laute wie "F" in den einzelnen Sprachen durchsetzten. Die Vorhersagen über die Ernährung und der modellierte Stammbaum über die Aussprache lieferten eine sehr gute Übereinstimmung und damit den Hinweis auf die Rolle der Ernährung auf die Lautentwicklung.

"Besonders in Europa finden wir in den letzten zwei Jahrtausenden einen drastischen Anstieg an Labiodentalen, die auf die zunehmende Verbreitung verarbeiteter, weicherer Nahrung zurückgeht und durch die Einführung industrieller Mahlverfahren zusätzlich vorangetrieben wurde", fasst Ko-Autor Steve Moran zusammen.

Natürlich sei die Gebissstellung nur einer von vielen Faktoren, die die Aussprache prägen. Ob sich ein Laut durchsetzt, hänge beispielsweise auch vom Prestige des Sprechenden und der Nachahmung durch andere ab. Die in der Studie etablierte Methodik fügt aber einen neuen Blickwinkel hinzu: "Sprache wird traditionell den Geisteswissenschaften zugeordnet", betont Bickel. Er hoffe, dass die Studie Signalwirkung habe, Sprache auch als biologisches Fakt zu betrachten.