Stockholm/Wien. Neugeborene, aber vor allem Frühgeborene sind besonders anfällig für Infektionen - so heißt es. Von diesem gängigen Bild verabschieden sich nun allerdings Forscher des Karolinska Instituts in Stockholm. Ihnen zufolge verfügen auch Frühchen über antivirale Antikörper in ihrem Blut, die sie von der Mutter übertragen bekommen. Sie scheinen demnach robuster zu sein als bisher angenommen. Dennoch sind sie vor Infektionen nicht grundsätzlich gefeit. Die Ursache dürfte dann aber woanders liegen, so ein Forscherteam um Petter Brodin vom Science for Life Laboratory im Fachmagazin "Nature Medicine".

Bisher war bekannt, dass mütterliche Antikörper während des letzten Trimesters der Schwangerschaft über das Blut in den Fötus übertreten. Daher sind Mediziner davon ausgegangen, dass sehr früh geborene Babys völlig ungeschützt sind. Nachdem die Forscher allerdings das Repertoire mütterlicher Antikörper in Neugeborenen analysiert haben, hat sich ein anderes Bild aufgetan. "Wir haben gesehen, dass auch Babys, die im Alter von 24 Wochen zur Welt kommen, solche Antikörper besitzen. Das hat uns überrascht", erklärt Brodin.

Andere Ursachen

In die Studie wurden 78 Mütter mit ihren Kindern aufgenommen. Davon waren 32 Babys vor der 30. Woche zur Welt gekommen, 46 waren ausgetragen. Die Blutanalyse brachte zutage, dass die mütterlichen Antikörper in allen Neugeborenen die gleichen waren. Vorgefasste Meinungen über das Immunsystem und die Infektanfälligkeit der Jüngsten müssten daher überdacht werden, so der Forscher. "Wir sollten uns mehr auf andere mögliche Ursachen für Infektionen konzentrieren, etwa die unterentwickelte Lungenfunktion oder die viel dünnere Hautbarriere von Frühchen."

Für ihre Analysen wandten die Wissenschafter die Phagen-Display-Technik an - eine biotechnologische Methode, mit der spezielle biologische Strukturen wie etwa Antigene, Proteine oder Bakterien auf der äußeren Zellmembran von Bakteriophagen präsentiert werden. Bakteriophagen sind Viren, die darauf spezialisiert sind, Bakterien zu infizieren. Mittels der Technik können die Antikörper erfolgreich ausgekundschaftet werden.

Die Blutproben wurden den Babys bei der Geburt, in der ersten, vierten und zwölften Lebenswoche entnommen. Abhängig vom Virus hält der Schutz, den die Antikörper bieten, unterschiedlich lange an. Das lasse vermuten, dass deren Transfer auf den Fötus mehr als zufällig abläuft, schreiben die Forscher.

Hochsaison für RS-Virus

Die Studie zeigt auch, auf welche Teile der Virusproteine die Antikörper abzielen. Diese Information sei wichtig für die Entwicklung neuer Impfstoffe, erklärt Brodin - besonders gegen das sogenannte Respiratorische Synzytial-Virus (RS-Virus). Dieses ist der bedeutendste Erreger von Atemwegsinfektionen bei Babys und Kleinkindern. Wandern die Erreger, die über Tröpfcheninfektion in den Körper gelangen, in die unteren Atemwege, kann es sogar zu einer Entzündung der Lunge oder der kleinsten Bronchien kommen. Das RS-Virus hat in den Wintermonaten bis in den April hinein Hochsaison.