Wien. Die richtige Ernährung kann nicht nur Onkologie-Patienten in ihrer Therapie unterstützen, sie kann auch Krebs verhindern, wie Experten beim Ernährungskongress der Diaetologen in Wien betonten. Neben Rauchen ist Übergewicht der zweithöchste Risikofaktor, an Krebs zu erkranken. Die jederzeit verfügbare Nahrung habe in Industrieländern die Fälle von Fettleibigkeit in die Höhe schnellen lassen.

Um das Risiko für eine Krebserkrankung zu verringern, gelte es nämlich, so schlank wie möglich innerhalb des normalen Körpergewichtsbereichs zu bleiben, sagte Präventivmediziner Michael Leitzmann von der Universität Regensburg. Leitzmann hat mit Kollegen bereits vor etwa zehn Jahren festgestellt, dass Frauen mit deutlichem Übergewicht eher an Eierstockkrebs erkranken. Mehrere Jahre lang hat er Krebsfälle bei 94.500 Patientinnen beobachtet und festgestellt, dass das Krebsrisiko bei Fettleibigkeit um 26 Prozent anstieg.

Essen im Überfluss und zu wenig Bewegung

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der es täglich Essen im Überfluss gibt, wo wir Nahrung in unbegrenzten Mengen und Frequenzen zu uns nehmen können", sagte Leitzmann. Aufgrund der zunehmenden Technologisierung und Automatisierung würden sich die Menschen praktisch nicht mehr bewegen. "Diese Dysbalance führt dazu, dass wir am Ende der Kette mit einer zu hohen Kalorienzufuhr zu kämpfen haben", meinte der Mediziner. "Man merkt es kaum, es sind nur wenige Gramm pro Tag, die wir zunehmen, aber über die Jahre wird es zu Übergewicht und auch zur Fettleibigkeit." Vor rund 100 Jahren waren die Menschen kaum zu dick, nun seien 60 Prozent der Menschen in Industrieländern übergewichtig oder adipös.

Hinzu kommt der Trend, dass verstärkt verarbeitete, salzige Lebensmittel und Fertigprodukte konsumiert werden würden. "Man weiß nicht, welche Substanzen sich darin versteckt halten", so Leitzmann. So würde verarbeitetes Fleisch, das durch Räuchern, Beizen oder Salzen haltbar gemacht wird, die Magenschleimhaut irritieren. Dadurch werde eine Besiedelung des Keims Helicobacter pylori möglich, der Darmkrebs auslösen kann. "Seit kurzem weiß man auch, dass verarbeitetes Fleisch Magenkrebs auslösen kann", erklärte der Experte.

 Verarbeitete Lebensmittel vermeiden

Die Liste der krebsfördernden Nahrungsmittel lasse sich weiter fortführen: Mate kann das Risiko für Speiseröhrenkrebs erhöhen, rotes Fleisch Dickdarmkrebs oder Alkohol Dickdarm-, Brust-, Leber-, Speiseröhren-, Wangen- Mundhöhlen-, Kehlkopf- und Rachenkrebs. Aber auch Nahrungsergänzungsmittel können das Risiko, an einem Karzinom zu erkranken, erhöhen, hieß es. So habe sich gezeigt, dass die Einnahme von Beta-Carotin-Supplementen Lungenkrebs auslösen kann, berichtete Leitzmann. "Hochdosierte Einzelpräparate sind mit Vorsicht zu genießen."

Auf die Frage, was denn überhaupt noch gegessen werden kann, meinte Leitzmann lächelnd: "Alles in Maßen, nur nicht zu viel." Er empfiehlt, verarbeitete Lebensmittel zu vermeiden, rotes Fleisch auf 500 Gramm pro Woche zu begrenzen und nicht zu viele Kohlenhydrate zu essen, die mit glykämischer Last (Auswirkungen von Nahrungsmitteln auf den Blutzuckerspiegel, Anm.) einhergehen. Denn auch ein ständig rasant ansteigender Blutzuckerspiegel ist ein möglicher Faktor für Krebsentstehung. 30 Minuten moderate Bewegung würden den Lebensstil hingegen positiv unterstützen.

Sekundäre Pflanzenstoffe spielen Schlüsselrolle

Eine Schlüsselrolle könnten sekundäre Pflanzenstoffe spielen, betonte Leitzmann. Auch die steirische Diaetologin Jane Bergthaler bezeichnet diese als "potente Lebensmittelgruppe". Die sekundären Pflanzenstoffe seien weniger bekannt als Vitamine und Mineralstoffe und nur ein Bruchteil der Einzelsubstanzen - 60.000 von 100.000 - wurde erforscht. Bekannt sind Anthocyane, Carotinoide, Flavonoide, Isoflavone, Lignane, Pektine und Polyphenole. Sie dienen den Pflanzen als Schutz vor Eindringlingen und können nachweislich auch den Krankheitsverlauf bei Krebs beeinflussen.

Hier sei die Auswahl entscheidend. "Je farbenfroher, geruchs- und geschmacksintensiver ein Lebensmittel ist, desto mehr sekundäre Pflanzenstoffe sind enthalten", sagte Bergthaler. Als Beispiel nannte sie Erdbeeren, Heidelbeeren, rote Rüben, Radicchio, Brokkoli, Kürbis, Trauben, Knoblauch, Zwiebeln oder auch Kurkuma. Wichtig sei eine schonende Zubereitung - bei dieser bleiben die sekundären Pflanzenstoffe erhalten. (apa)