Von der Rauchkuchl im Bergbauernhof über die Familienmahlzeit aus einem gemeinsamen Topf bis hin zum Schmiedeeisen im offenen Feuer: Die Bilder erzählen über Bräuche, das Wirtschafts- und das Alltagsleben einer vergangenen Zeit. Die Gespräche erweckten Erinnerungen, Gefühle und Bezüge. Und eine Sehnsucht der Teilnehmer, zu spüren was sie selbst in einem besseren Leben ausmachen würde. "Sehnsuchtsbilder vom Land" thematisiert somit auch einen Mythos - eine ideale Welt, die auch mit Herkunft und Heimat zu tun hat.

"Da sieht man eine Almhütte und ich stelle mir vor, wie früher der Senner oder die Sennerin die Kühe hinauftreibt und die Sommermonate oben ganz alleine verbringt", sagt etwa die 42-jährige Sonja aus Rastenfeld: "Das muss entspannend und ruhig sein - der krasse Gegensatz zum heutigen Alltag." Ein älterer Gruppenteilnehmer klärt auf: Das Dach seiner Eltern sei so undicht gewesen, dass einmal der Pfarrer gesagt hätte: "Das Weihbrunnenkrügerl ist der trockenste Ort in der Hütte."

Die Familie sitzt um den Esstisch, im Herrgottswinkel ein großes Kreuz. Wie schön, da hätte man noch Zeit für einander gehabt, man hätte sich noch unterhalten, fanden jüngere Teilnehmer. Nüchterner sah es die 84-jährige Margreth aus Bezau. Bei ihr daheim mussten aus Platzgründen alle schräg sitzen. "Wir zuhause waren damals dreizehn Kinder. Es waren eh fast nie alle da, aber trotzdem mussten wir die linke Hand immer hinuntergeben, weil der Tisch zu klein war." - "Ein prächtiges Leben", fand wiederum die neunjährige Julie. Sie war beeindruckt vom Porträt einer "Bregenzer Wälderin" in Tracht mit typischer Kopfbedeckung.

"Landsehnsucht ist nicht nur eine nach Orten, sondern auch nach Zeiten, Erinnerungen und Erkenntnissen, warum etwas heute noch relevant ist", erläutert Fineder. Die Summe ist wohl genau jene Mischung, die einen sich zu Hause fühlen lässt. Da solche Gefühle und vor allem Sehnsüchte jedoch rein subjektiv sind, können sie, wie die Geschichte Österreichs und Deutschlands zeigt, zutiefst missbraucht werden.

Offener Heimatbegriff

Die Kuratorinnen haben versucht, neue Wege zu gehen. "Nicht nur Bildpolitiken sind vielschichtig, sondern auch deren Interpretation", sagt Fineder: "Es ist nicht unbedingt nationalistisch besetzt, in einem karierten Hemd wandern zu gehen." Abseits von beinharten Nationalismen, die Heimat gegen das "Fremde" und "Andere" positionieren, habe man durch das Sprechen über Erfahrungen auf einen offenen Heimatbegriff gesetzt. Dabei kam es auch zu Diskussionen zum Wandel der Zeit. Ein Bild von drei Männern, die auf vier Kühe aufpassten? Wie viele Menschen hatten wohl damals Arbeit, wo heute nur einer einen ganzen Maschinenpark überwacht.

Mit welchen Bildern schreiben wir heute Geschichten vom Land? "Produkt-, Tourismus und Politikwerbungen bedienen sich dieser Motive, um etwas authentisch erscheinen zu lassen", sagt Soziologin und Kunsthistorikerin Luise Reitstätter. "Die Bilder sprechen eine Sprache der Echtheit, vermitteln Vertrautheit und die Volkskunde trägt ihren Teil dazu bei, das Ländliche festzuschreiben, es einzufrieren in einer heilen Welt." Inmitten der digitalen Revolution, einer wachsenden Ungleichheit einer globalen Verunsicherung und politischer Krisen verstärkt sich in der Gesellschaft die Sehnsucht, etwas zu bewahren. Das Ländliche wird zum Orientierungspunkt für Selbstbewusstsein, Ordnung, Orientierung - und Rückwärtsorientierung. Diese vom Soziologen Zygmunt Baumann mit dem Kunstbegriff "Retrotopia" versehene Utopie des Rückwärtsgewandten wird von einer Sehnsucht nach Klarheit und Sicherheit begleitet.

Dass Sehnsuchtsbilder vom Land das Gemüt beruhigen, wussten schon die Filmemacher der Nachkriegszeit. Der Kaiser kam ins Weiße Rößl am windstillen Wolfgangsee, der die Landschaft spiegelte. Man wollte zwar nicht den Kaiser zurück, doch es sollte jeder spüren, dass Österreich ein eigener Staat ist. In einer Zeit, in der die Menschen mit Lebensmittelengpässen und Bombenlöchern konfrontiert waren, setzten Filme wie "Das weiße Rößl am Wolfgangsee" oder "Kaiserwalzer" einen mentalen Schlussstrich - plötzlich war der Krieg nicht mehr gestern, sondern in den Köpfen so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Die Bilder vom Land stifteten Identität.