Wien. Herr und Frau Österreicher werden immer älter. Zum Weltgesundheitstag am Sonntag veröffentlicht die Uniqa-Versicherung Zahlen: 2018 waren 9,4 Prozent der österreichischen Bevölkerung älter als 75 Jahre - bis 2060 werde dieser Anteil auf 16,5 Prozent anwachsen. Damit ist auch zu befürchten, dass die Zahl der an Alzheimer & Co erkrankten Personen steigen wird. Was das für die Gesellschaft bedeutet, erläutert die Soziologin Gabriele Doblhammer von der Universität Rostock im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Am Rande der Nachhaltigkeitskonferenz "Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World" Ende der Woche an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gab sie neue Einblicke zum Umgang mit der gefürchteten Diagnose Demenz.

"Wiener Zeitung": Mit steigender Lebenserwartung hat Europa mehr Demenzerkrankungen zu befürchten. Zugleich werden weniger Kinder geboren, die ihre Eltern pflegen könnten. Wie sind die Zahlen?

Gabriele Doblhammer: Das Problem Demenz betrifft nicht nur Europa, sondern auch Asien, die USA und weitere Regionen. Der Welt-Alzheimer-Bericht (siehe Grafik) geht davon aus, dass sich die Zahl der an den unterschiedlichen Formen von Demenz erkrankten Menschen alle 20 Jahre verdoppeln wird, da immer mehr Menschen das Alter erreichen, in dem man daran erkrankt.

Wie soll die Gesellschaft mit immer mehr Pflegebedürftigen umgehen?

Insbesondere muss sich die Gesundheitsversorgung auf die Zeit einstellen, in der die großen Kohorten der Baby-Boomer-Generation das Alter erreichen, ab dem man an Demenz erkrankt. Insbesondere in dieser Generation gibt es wenige Junge in Relation zu Älteren, wobei wir hier mit "jung" Menschen im mittleren Alter von 50 oder 60 Jahren meinen, die Eltern zwischen 80 und 90 versorgen, jedoch stärker in den Erwerbprozess eingebunden sind, als in der Vergangenheit der Fall war.

Gabriele Doblhammer geboren am 1963 in Wels, ist Sozialwissenschafterin mit Fachgebiet Demografie und Professorin für Methoden der Empirischen Sozialforschung und Demografie an der Universität Rostock. 2017 wurde die Autorin des Buches "Demografie der Demenz" in die Österreichische Akademie der Wissenschaften gewählt. - © Uni Rostock
Gabriele Doblhammer geboren am 1963 in Wels, ist Sozialwissenschafterin mit Fachgebiet Demografie und Professorin für Methoden der Empirischen Sozialforschung und Demografie an der Universität Rostock. 2017 wurde die Autorin des Buches "Demografie der Demenz" in die Österreichische Akademie der Wissenschaften gewählt. - © Uni Rostock

Die Conclusio für das Gesundheitssystem?

Die Familienversorgung von Demenzerkrankten muss stärker durch mobile und ambulante Pflege unterstützt werden. Der Beruf Pfleger muss aufgewertet werden, nicht nur, was das Einkommen, sondern auch was das Ansehen betrifft. Eine Hoffnung ist dabei, dass digitale Assistenzsysteme den Pflegeberuf erleichtern und attraktiver machen. Man sagt zwar immer, ältere Leute hätten mit Technik wenig am Hut, doch die erste Generation, die damit hantieren wird, sind Menschen, die bereits mit Technik vertraut sind. In jedem Fall wird es nicht möglich sein, alle demenzerkrankten Menschen in Pflegeheimen unterzubringen. Man wird wohl versuchen, das in die allerletzten Lebensjahre zu komprimieren. Bis dahin werden Wohnungen wohl so adaptiert werden müssen, dass Menschen alleine zu Hause bleiben können.