Wien. Der fundamentale Islam ist laut dem Physiker und Philosophen Rudolf Burger eine Reaktion auf die Aufklärung. Bei der Aufnahme von Zuwanderern in unsere Gesellschaft gehe es daher nicht um Integration, sondern um Entfremdung. Das sagte der 80-Jährige bei einer vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) veranstalteten Podiumsdiskussion am Mittwochabend zum Journalisten Michael Fleischhacker.

Individuen statt Kollektive

Die Integration sei nur möglich, wenn man es schafft, aus meist im Kollektiv denkenden Menschen Individuen zu formen, weshalb das Aufbrechen von Gemeinschaften gefördert werden müsse. Offenbarungsreligionen tradierten keine Werte, sondern Gebote, also klare Handlungsanweisungen, wie der Mensch sich zu verhalten habe. Im Gegensatz dazu sei das Telos der Aufklärung eigentlich nihilistisch, da es keine durch ein höheres Wesen kreierte normative Seinsordnung gebe. In einem jahrhundertelangen, auch gewalttätigen Prozess habe sich die Denkweise "eines leeren, unbesetzten Himmels" durchgesetzt. "Dort oben ist nichts, wir sind allein", deshalb sei es essenziell, dass die Menschen selbst eine Ordnung fänden, "in der wir uns nicht umbringen", postulierte der frühere Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien in Referenz zum Staatstheoretiker Thomas Hobbes.

Viele, die kämen, entstammten aber Gesellschaften, welche diese Entwicklung nicht durchgemacht hätten. Für diese Menschen bleibe der Himmel besetzt, eine Welt ohne Gott empfänden sie als Verlust, erläuterte Burger. Und das sorge hierzulande für Ängste, die sich zudem mit dem Wissen über die demografische Entwicklung in den Herkunftsländern paarten. Die Ablehnung des Kopftuches vieler Europäer richtet sich nicht gegen ebendieses, sondern "gegen das, was dahintersteht".

Angst um die säkulare Gesellschaft

Die zunehmende Rückkehr des Religiösen werde als "aggressives Eindringen in die säkulare Gesellschaft" empfunden, als etwas, das "zizerlweise" vonstattengehe. Denn anders als das Christentum kenne der Islam keine zwei Gewalten wie Papst und Kaiser, sei der religiöse gleichsam der politische Führer. Dazu komme, dass Fundamentalisten in einer von manchen als sinnlos empfundenen modernen Welt Sinnhaftigkeit versprächen. Dagegen müssten sich die "Menschen sich spröde machen".

Wurden die politischen Flüchtlinge aus dem ehemaligen Ostblock noch als Helden empfunden, weil sie durch ihren Ausbruch die Überlegenheit des liberalen Rechtsstaates und damit des Westens demonstrierten, überwiege heute die Angst davor, dass es "mit der Religion wieder ernst wird", zitierte Burger eine Aussage des Philosophen Arnold Gehlen aus dem Jahr 1972. Spätestens mit 9/11 zeigte sich nach einem Jahrhundert der Kriege unter dem Banner der politischen Ideologie die Militanz der Religion, welche mit der Machtergreifung der Mullahs im Iran 1979 ihren Ausgangspunkt hatte.

Religionskritik wird als rassistisch wahrgenommen

Ein Paradoxon unserer Zeit sei es, dass Religionskritik, eigentlich ein Topos der Linken, beim Thema Islam oft als etwas Rassistisches wahrgenommen werde, obwohl eine Religionszugehörigkeit eben keine "Rasse" sei. Da passiere es dann auch, dass selbst der jüdischstämmige Publizist Henryk M. Broder als rechts bezeichnet werde, weil er Kritik am Islam übe. Eigentlich, so Burger, seien politische Zuordnungskategorien wie "Rechts oder Links" zunehmend obsolet, passiere es doch gerade, dass sich viele auch aus unterschiedlichen Denkrichtungen gegen die Wiederkehr des Religiösen verbündeten. (apa)