Studienleiter Su fahndet nach Genen, die in der Selektion erfolgreich sind. Seine Interessensgebiete reichen von der Fähigkeit der Himalaya-Yaks zum Leben in extremen Höhen bis zur Evolution der menschlichen Hautfarbe als Reaktion auf kalte Winterperioden. Die neue Studie würde zeigen, dass mit menschlichen Genen versehene Affen "das Potenzial haben, wichtige und womöglich einzigartige Einblicke in Grundsatzfragen zur Einzigartigkeit des menschlichen Gehirns zu liefern", schreiben er und seine Kollegen.

Kritiker halten die Experimente für waghalsig und rücksichtslos. "Transgene Affen zu schaffen, um die Genetik des menschlichen Gehirns zu studieren, ist äußerst riskant", betont James Sikela, Genetiker an der Universität Colorado, im Magazin "Technology Review". Zwar befürchtet er keinem Aufstand kluger Primaten und keinen "Planet der Affen". Doch das Experiment missachte Tiere und öffne weiteren Gen-Manipulationen Tür und Tor. "Es ist eine klassische Dammbruch-Situation", warnt Sikela. Andere Experten halten den Ansatz für zu einfach gedacht. "Das Experiment hat keine klare Fragestellung und ist naiv", betont Kevin Mitchell, Genetiker am Trinity College in Dublin. "Von Microcephalin nimmt man an, dass es durch Mutationen Einfluss auf die Gehirngröße nahm. Dass aber Affen-Gehirne wachsen, nur weil sie die mutierte Menschen-Version von MCPH1 in sich tragen, entspricht nicht der Evolution, die für eine solche Entwicklung an vielen Schrauben drehen würde", sagte Mitchell im US-Sender CNN.

"Naiv und zu simpel gedacht"

In Europa und in den USA werden genetische Experimente an Primaten restriktiv gehandhabt. China treibt sie voran. Im November 2018 hatte ein chinesisches Institut angegeben, durch Gen-Editierung Affen mit psychischen Schäden für die Forschung erzeugt zu haben. Im Dezember berichtete ein anderes, umstrittenes Team, mit Hilfe der wenig erprobten Gen-Schere CRISPR/Cas 9 Zwillinge geschaffen zu haben, die gegen den Aids-Erreger HIV immun sind. Hinter den Vorstößen stehen Chinas Bestreben, die Speerspitze biotechnischer Innovation zu werden, und entsprechender Druck.

"Man kann etwas fachlich zerpflücken. Oder man kann es einfach Scheiße finden", sagt Wolfgang Enard, Professor für Anthropologie und Humane Genomik an der Ludwig Maximilians Universität München. "Ich halte wenig von dem Experiment mit den transgenen Rhesus-Affen."

Enard erforscht FOXP2, das auch als Sprach-Gen bezeichnet wird. Unter den 20.000 menschlichen Genen ist es die Erbanlage, die mit der Fähigkeit zu sprechen assoziiert ist. Zwar besitzen vermutlich alle Wirbeltiere dieses Gen, doch nur im Menschen findet sich eine Variante, die sich in zwei Aminosäure-Bausteinen von jener anderer Lebewesen unterscheidet. Menschen ohne sie lernen nur schwer, zu sprechen. Enard züchtet für seine Forschung transgene Mäuse. Auf einen transgenen Primaten mit menschlichem FOXP2 würde er aber verzichten.