"Wenn wir das menschliche Gehirn und seine spezifischen Eigenschaften verstehen wollen, ist das beste Modell logischerweise dem Menschen ähnlich. Der Umgang mit Tieren ist allerdings eine Frage des ethischen Konsenses, der stets neu abgewogen wird", sagt Enard zur "Wiener Zeitung".

In Waagschalen liegen der Vorteil für Menschen auf der einen und der Nachteil der Tiere auf der anderen Seite. "Um den Nachteil für Tiere zu beurteilen, müssen wir sie verstehen so wie ein Hundebesitzer seinen Hund. Außerdem gibt es eine ästhetische Komponente, die sich durch einen Vergleich erklären lässt: Wir wollen weder Affen noch Katzen noch Hunde essen, finden es aber okay, Schweine zu verzehren." Eine Gesellschaft, für die der Vorteil von billigem Schweinefleisch schwerer wiegt als das Wohl von Schweinen, sehe entsprechend aus.

In welcher Gesellschaft Tiere leben sollen, die intelligenter als ihre Artgenossen, aber nicht so intelligent wie Menschen sind, ist eine offene Frage, die gegen den menschlichen Vorteil wiegt. "Evolution ist wahnsinnig spannend, aber ich würde dafür keine Experimente an Affen machen", betont Enard. Bei konkreten Heilungschancen lebensbedrohlicher Krankheiten würde das Gewicht aber wieder in die andere Richtung schwappen. Und würde es sich um Mäuse handeln, würde der Fall wieder anders bewertet.

Qual ohne Moral

Su teilt die Bedenken offenbar nicht. In "Technology Review" räumt er ein, aussagekräftige Ergebnisse würden mehr Versuchstiere erfordern. Er wolle weitere transgene Affen züchten und noch andere Intelligenz-Gene einschleusen. Nun gelte sein Interesse SRGAP2C. Die Variante mutierte vor zwei Millionen Jahren, als Australopithecus den Frühmenschen Platz in der afrikanischen Savanne machte. Das Gen gilt als Schalter zur menschlichen Intelligenz.

"Wenn ich ein Gen ändere, sind Ursache und Wirkung klar. Was immer passiert, muss durch das Gen bewirkt sein. Das macht die Genetik so mächtig in der Erforschung der Intelligenz", sagt Enard. "Allerdings ist Intelligenz ein viel zu unscharfer Begriff, um ein gutes, präzises Untersuchungsobjekt zu finden." Allgemein ließe sich nur sagen: Je mehr Neuronen-Verbindungen, desto schlauer. Wie viele Hürden ein Tier sich auf dem Weg dort hin leisten kann, hängt von der Ökologie der Art ab.

Konkret wird die Evolution der Intelligenz nach wie vor unter dem Aspekt des Fortschritts betrachtet. Nach diesem Weltbild macht sie wie eine Ingenieurin im Laufe der Zeit Erfindungen, die das Produkt verbessern. "Die Geschichte eines langen Weges zur klassischen Krone der Schöpfung ist also erst einmal falsch", sagt der Anthropologe. "Denn die Erfindungen sind ja alle da, und was die beste Lösung für eine Art ist, hängt von ihrer Ökologie ab. Wenn ich früh gefressen werde, zahlt sich ein teures Gehirn nicht aus. Nur wenn ich lange lebe, habe ich etwas davon, wenn ich lerne."

Der Aufbau von neuronalen Verbindungen muss gefüttert werden, selbst wenn die Zeiten schlecht sind. Wenn es in der Ökologie eines Tieres also öfters zu mageren Zeiten kommt, ist ein großes Gehirn keine gute Idee. Somit könnte eine Maus mit menschlichen Intelligenz-Genen wenig anfangen. In Primaten hätten sie genug Zeit gehabt, sich zu entwickeln. Wenn diese sie gebraucht hätten.