Wien. Ob er diesen Sessel nehmen dürfe, fragt Michael Klemsch und zeigt dabei auf ein dunkelbraunes Exemplar mit breiter Rückenlehne. "Der sieht mir etwas stabiler aus als der Rest." Wie für jedes andere Restaurant gilt für das Café 7stern in Wien-Neubau: Auf Menschen mit starkem Übergewicht nimmt die Inneneinrichtung wenig Rücksicht. Klemsch, der derzeit bei etwa 150 Kilogramm steht, fordert in seinem Buch "Micky halbiert sich (nicht)" daher eine "Barrierefreiheit für Dicke".

Michael Klemsch, Buchautor und "Meister der Theorie". - © Manfred Weis
Michael Klemsch, Buchautor und "Meister der Theorie". - © Manfred Weis

"Wiener Zeitung":Herr Klemsch, der Frühling bringt neben dem Glückshormon Serotonin und Allergieausbrüchen allerorts Aufrufe zu Diäten und persönlicher Fitness mit sich. Wie stehen Sie dazu?

Michael Klemsch: Es beginnt doch schon viel früher, nämlich mit dem Jahreswechsel und den guten Vorsätzen. Meiner Erfahrung nach ist das Korsett der Zwänge das, was das Korsett sprengt. Wenn ich mir im März vornehme, bis zum Juli 15 Kilo abzunehmen, weil die Badesaison kommt, habe ich garantiert bis zum Mai fünf Kilo zugenommen.

Als ehemaliger Marathonläufer haben Sie sich inzwischen solchen Sportarten zugewandt, die gelenkschonender sind. Sind Sie schon in die Golfsaison eingestiegen?

In diesem Jahr noch nicht, denn ich bin ein Schönwetter-Golfer. Ein richtiger Sportler sagt zwar, es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Bekleidung. In meiner Größe gibt es aber kaum Funktionsgewand.

Gehen die Hersteller also davon aus, dass Menschen mit starkem Übergewicht keinen Sport machen?

Das Angebot hat immer mit der Nachfrage zu tun. Vor 20 Jahren gab es ein einziges Spezialgeschäft in Wien, das meine Größe geführt hat. Der Preis für eine Hose ist in Richtung Kleinwagen gegangen. Inzwischen gibt es bei Adler und C&A schon Kollektionen in 7XL. Die Menschen werden eben immer blader.

Empfinden Sie die Bezeichnung "blad" nicht als diskriminierend?

"Blad" hat für mich den Touch des gemütlichen Wienerischen. Nun sagen mir alle, ich soll stattdessen "dick" sagen. Eine Bekannte will mir am liebsten den Mund verbieten, wenn ich mich einen Bladen nenne.

An einer Stelle in Ihrem Buch bezeichnen Sie sich als Elefant unter Gazellen. Das macht betroffen.

Es ist insgesamt ein sehr trauriges Buch. Das hat viele gewundert, die mich kennen und davon ausgegangen sind, dass der Micky wie immer etwas Lockeres, Lustiges geschrieben haben wird. Wer das Buch liest, um unterhalten zu werden, wird wahrscheinlich enttäuscht.

Sie haben der Figur des "lustigen Dicken" sogar ein Kapitel gewidmet.

Humor ist ein Schutzschild. Ich gehe lieber in die Offensive und mache über mich selbst Witze, bevor andere das tun können. Manchmal gehe ich dabei vielleicht zu weit. Meine Lektorin hat einige besonders sarkastische Stellen im Buch entschärft.

Fanden Sie das richtig?

Ich weiß es nicht. Würde ich das Buch noch einmal schreiben, würde ich ohnehin einiges anders machen.

Sie könnten einen Nachfolgeband veröffentlichen.

Richtig. "Micky geniert sich", "Micky blamiert sich". Da ist eine ganze Serie denkbar.

Reflektieren Ihre Gefühle von Peinlichkeit also die Diskriminierung durch die Gesellschaft? Der Begriff Fatshaming ist in den letzten Jahren oft diskutiert worden.

Mein Problem ist vor allem die eigene Psyche: der Mangel an Eigenliebe und an Wohlwollen mir selbst gegenüber. Wenn mich in der U-Bahn jemand länger anschaut, gehe ich sofort in eine geistige Abwehrhaltung. Ich bin sicher, dass er meinen Bauch abstoßend findet. Auf die Idee, dass er meine Tasche oder meine Schuhe cool finden könnte, komme ich gar nicht. Das ist ärgerlich, und deswegen versuche ich jetzt in Psychotherapien, an mir selbst zu arbeiten. Denn die anderen kann ich ohnehin nicht ändern.

Gibt es eine Strategie, die Sie in der Therapie erlernt haben und weitergeben wollen?

Nein. Ich habe ja auch keinen Ratgeber geschrieben. Mir ging es darum, verständlich zu machen, warum einige Menschen es nicht schaffen, dauerhaft abzunehmen.

Sie schreiben, eine Fettschicht sei oft ein Panzer für die Seele. Wie ist das gemeint?

Viele Menschen, denen ein körperlicher oder psychischer Übergriff widerfahren ist, reagieren, indem sie sich dick machen. Ich habe Frauen kennengelernt, die in ihrer Jugend unangenehme Erfahrungen sexueller Natur gemacht haben und die sich, wenn auch unbewusst, einen Panzer zugelegt haben.

Sie sind ausgebildeter Ernährungsvorsorgecoach und nennen sich einen "Meister der Theorie". Welchen Schwierigkeiten begegnen Sie bei der Umsetzung Ihres Wissens in die Praxis?

Sehr dicke Menschen stehen doch über den klassischen Ernährungsfehlern. Ich habe jede Diät durchgemacht. Die Frage ist nicht, wie ich mich ernähre, sondern warum ich mich so ernähre. Warum kann ich nach zwei Stück Berner Würsteln nicht aufhören? Der Körper hat einen gewissen Energieverbrauch und gibt durch Sättigungsgefühle an, dass diesem entsprochen worden ist. Danach kommt die Lust, die zur Sucht werden kann.

Wie oft werden Sie von Freunden dazu angehalten, das Thema Dicksein endlich ruhen zu lassen und sich nicht allein auf Ihr Äußeres zu reduzieren?

Sehr oft. Das sagen auch meine Therapeuten: Ich soll mich selbst schätzen, mir mehr erlauben und mich nicht für Verfehlungen zusätzlich verurteilen. Ich versuche, das anzunehmen.

Auch die sozialmediale Bewegung der Body Positivity ruft zur Abkehr von der westlichen Formel ,Schön ist gleich schlank’ auf.

Gerade im Umfeld der österreichischen Plus-Size-Blogerinnen haben sich in dieser Hinsicht einige mehr von mir erwartet. Mich aber gar nicht zu genieren für mein Gewicht, wie es ein Leitsatz dieser Bewegung ist, das gelingt mir noch nicht. Es gibt schließlich Einschränkungen, die das Leben für eine stark übergewichtige Person schwerer machen: dass man in den öffentlichen Verkehrsmitteln schwer einen Sitz bekommt, dass man nicht lange stehen kann, dass man auch im Winter wahnsinnig schwitzt. Der Vorteil der Body-Positivity-Bewegung ist natürlich, dass sie Bewusstsein schafft für die Randgruppe der schwer übergewichtigen Menschen.

Sie empfinden sich als Teil einer Randgruppe?

Sehr dicke Menschen entsprechen nicht der Norm, für die das Leben in Europa gebaut ist. Zu fliegen, ist inzwischen fast unmöglich. Über Männer, die sich für ein Körpergewicht von 100 Kilogramm selbst geißeln, kann ich nur lachen.

Hadern Sie mehr als andere mit Ihrer mangelnden Bewegungsfreiheit, weil Sie einmal Marathonläufer waren?

Sicherlich. Wenn ich heute jemanden joggen sehe, dann beneide ich ihn sehr.