Manuela Macedonia erforscht an der Johannes Kepler-Universität Linz Neuro-Informationssysteme. - © Kübra Soyuk
Manuela Macedonia erforscht an der Johannes Kepler-Universität Linz Neuro-Informationssysteme. - © Kübra Soyuk

Vor zehn Jahren, als Manuela Macedonia am Max-Planck-Institut in Leipzig täglich bis in die Nacht das menschliche Gedächtnis erforschte, fand sie sich darin ausgerechnet durch Gedächtnisausfälle behindert. Schnell stellte sich heraus: Chronischer Schlaf- und Bewegungsmangel hatten ihrem Hirn zugesetzt. Seitdem ist Macedonia Allwettersportlerin und, so berichtet sie, geistig leistungsfähiger denn je. In ihrem bei Brandstätter erschienenen Buch "Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke" ruft sie zum täglichen Ausbruch aus der Komfortzone auf.

"Wiener Zeitung": Die Weltgesundheitsorganisation hat ermittelt, dass sich ein Drittel der österreichischen Bevölkerung weniger als 150 Minuten pro Woche bewegt. Welche Folgen hat das für unsere geistige Fitness?

Manuela Macedonia: Die Folgen sind gravierend. Kinder etwa, die sich nicht ausreichend bewegen, erreichen in ihrer Bildung und Ausbildung weniger als diejenigen, die es tun. Erstens regt Bewegung den Hippocampus, unsere Kurzzeitgedächtnisstruktur in der Tiefe des Gehirns, an. Wenn wir uns regelmäßig bewegen, wächst der Hippocampus. Studien haben bewiesen, dass die Größe des Hippocampus bei Kindern sowohl mit ihrem individuellen Bewegungsaufwand als auch mit ihren schulischen Leistungen korreliert.

Die unter Akademikereltern verbreitete Geringschätzung des Schulfachs Sport ist also kurzsichtig?

Absolut. Es gibt statistische Ausreißer, also Kinder, die sich kaum bewegen und lauter Einser schreiben, oder Kinder, die sich viel bewegen und in der Schule nicht gut sind. Die Faktoren, die akademischen Erfolg bedingen, sind vielschichtig. Für die Durchschnittsbevölkerung ist allerdings wissenschaftlich nachgewiesen worden, dass körperliche Bewegung und geistige Fitness zusammenhängen.

Gibt es Bewegungsformen, die geistig fitter machen als andere?

Nachweislich regen Formen der Fortbewegung, also Gehen, Wandern, Laufen, Radfahren oder Schwimmen, die Phänomene im Gehirn an, die zu unserer geistigen Fitness beitragen. Sportarten, bei denen es um Geschwindigkeit und Geschicklichkeit geht, unterstützen insbesondere die kognitive Kontrolle. Das ist jener Mechanismus im Vorderhirn, der uns zu guten Multitaskern macht, uns mehrere Aufgaben auf einmal erledigen lässt. Die kognitive Kontrolle ist zum Beispiel für den Fremdsprachenerwerb und für das Beherrschen eines Musikinstruments wichtig.

Kann Sport Konzentrationsschwierigkeiten und Lernblockaden vorbeugen, die bei vielen in der Pubertät auftreten? 

Damit kommen wir zum zweiten Phänomen, das sich mit körperlicher Bewegung bei jungen Menschen einstellt: Die Ausschüttung von Nervenwachstumsfaktor, BDNF genannt. Es handelt sich um ein Eiweiß, das vom Gehirn selbst produziert wird, um besonders starke Neuronen, also Nervenzellen, und ihre Verbindungen zusätzlich zu unterstützen. Dadurch entsteht ein stabiles System, das gut lernen und Informationen verarbeiten und speichern kann. BNDF wirkt sich aber nicht nur positiv auf unsere geistige Leistungsfähigkeit, sondern auch auf unsere Psyche aus: Verfügen wir über genügend BDNF, sind wir weniger anfällig für Depressionen, Zwangsneurosen und Essstörungen. Zur Stärkung der Psyche tragen auch Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin bei, die bei körperlicher Bewegung vom Gehirn ausgeschüttet werden.