Der Traktus iliotibialis: Verklebungen in diesem Bereich können zu Knie- und Rückenschmerzen beitragen. - © Christoph Liebentritt
Der Traktus iliotibialis: Verklebungen in diesem Bereich können zu Knie- und Rückenschmerzen beitragen. - © Christoph Liebentritt

Sie bilden jene Strukturen im Körper, die alles verbinden - aber auch trennen. Sie halten die Muskeln zusammen und die Organe an ihrem Platz. Die Rede ist von den Faszien, dem menschlichen Bindegewebe. Lange Zeit kaum beachtet, ist um sie ein regelrechter Hype entstanden. Faszien sind heute ein Objekt schulmedizinischer Forschung. Neueste Studienergebnisse sprechen den Faszien sogar Bedeutung in der Tumortherapie zu. "Die Heilpraktiker kratzen sich am Kopf: ‚Das ist unser Bindegewebe!‘. Plötzlich heißt es Faszien und jeder will sie erfunden haben", wundert sich Robert Schleip, Leiter der Fascia Research Group der Universität Ulm, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Das fasrige Etwas kennt jeder Mediziner aus der Ausbildung: "Man ist Stunden damit beschäftigt, das Bindegewebe weg zu präparieren, um endlich etwas sehen zu können", so der Forscher. Jahrzehntelang hielt man Faszien für so unnütz wie die Verpackung eines Weihnachtsgeschenkes.

Stress verklebt die Faszien

Doch das Gegenteil ist der Fall. Faszien versehen gute Dienste in der Haut, an Knorpeln, Knochen, Gelenken, Muskeln und Organen. Sie sorgen für Zusammenhalt und Zugfestigkeit, aber auch für Geschmeidigkeit und Gleitfähigkeit zwischen den Muskeln. Faszien besitzen etwa sechs Mal mehr Nervenendigungen und mehr Schmerzrezeptoren als das Muskelgewebe. Das macht das Bindegewebe zum größten Sinnesorgan des Menschen.

Mobilisierung der Organe nahe des Hüftbeugers. Zuviel Spannung zieht die Lendenwirbelsäule ins Hohlkreuz. - © Christoph Liebentritt
Mobilisierung der Organe nahe des Hüftbeugers. Zuviel Spannung zieht die Lendenwirbelsäule ins Hohlkreuz. - © Christoph Liebentritt

Bewegungsmangel, chronische Anspannungen und Stress können dazu führen, dass Faszien verkleben, wie der Wiener Physiotherapeut, Osteopath und Rolfer Florian Beer erklärt. Sie werden dicker und fester, wodurch sich die Aktivierungsmuster von Muskeln und damit Bewegungsmuster verändern. Die verklebten Faszien beeinträchtigen in der Folge auch die Körperwahrnehmung.

Die deutsche Forschergruppe hat den Einfluss von chronischem Stress auf das Bindegewebe näher untersucht. Sie ist dabei auf den Botenstoff TGF (transforming growth factor) gestoßen. Tests im Organbad haben gezeigt, dass sich bei einem Anstieg des Botenstoffs die Faszien kräftiger zusammenziehen, berichteten die Forscher um Schleip erst jüngst im Fachblatt "Frontiers in Physiology". Bekannt ist, dass sich TGF besonders bei Stress im Körper stark verändert.

Rolfing: Florian Beer löst die Gesäßmuskulatur, für freie Beweglichkeit und die Aufrichtung des Beckens. - © Christoph Liebentritt
Rolfing: Florian Beer löst die Gesäßmuskulatur, für freie Beweglichkeit und die Aufrichtung des Beckens. - © Christoph Liebentritt

Yoga oder Rolfing helfen

Gegen verklebte Faszien helfen Yoga, aber auch die Faszienrollen. Die Spezialisten auf dem Gebiet der Faszien sind jedoch die ausgebildeten Rolfer, die bestimmte Handgriffe einsetzen, um das Bindegewebe wieder geschmeidig zu machen. Im Rahmen von zehn Sitzungen wird zunächst versucht, die Faszien zu lösen. Dabei unterstützt man den Patienten darin, sich in der Schwerkraft ökonomisch einzuordnen, sich zu bewegen und festsitzende Körperregionen zu lösen und wieder in die Bewegung zu integrieren. Im Zuge dessen kommt es zu einer aktiven Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt. Dem Körper wird zudem eine freiere Atmung ermöglicht.

Lockerung des Zwerchfells, um eine freiere Bauchatmung zu fördern. - © Christoph Liebentritt
Lockerung des Zwerchfells, um eine freiere Bauchatmung zu fördern. - © Christoph Liebentritt