Doch bei der Therapie muss der Patient Geduld aufbringen, denn das Bindegewebe passt sich wesentlich langsamer an als Muskeln. Auch wenn sich Symptome durch eine Behandlung schnell legen können, braucht der Körper für einen strukturellen und damit auch nachhaltigen Umbau Zeit. Um sich an die neue Situation anzupassen, brauche es etwa ein Jahr, meint Beer.

In Österreich leiden bis zu 70 Prozent aller Erwachsenen mindestens einmal im Leben an Rückenschmerzen. Bei zehn Prozent der Jugendlichen und 30 Prozent der 60- bis 70-jährigen sind die Schmerzen chronisch. Nur in knapp 20 Prozent der Fälle seien die Bandscheiben der Übeltäter, sagt Schleip: "Beim Rest heißt es ‚Ursache unbekannt‘." "Chronische Schmerzen manifestieren sich mit der Zeit zwangsläufig im Bindegewebe", so Beer. Die häufigste Ursache von Schmerzen im myofaszialen System sind Überlastungen, die aus Fehlbelastungen resultieren.

Öffnung des Brustkorbs für eine freiere Atmung und eine leichtere Aufrichtung. - © Christoph Liebentritt
Öffnung des Brustkorbs für eine freiere Atmung und eine leichtere Aufrichtung. - © Christoph Liebentritt

Ursachenforschung

Da verklebte Faszienhüllen deutlich dicker sind als normale, lässt sich heute mittels Ultraschall feststellen, ob verhärtete Muskeln oder dicke Hüllen den Schmerz verursachen. Die Forschergruppe in Ulm entwickelt spezialisierte Geräte, etwa einen elektronischen Tastfinger, die die Unterschiede besser erkennbar machen. Damit sollen gezieltere therapeutische Empfehlungen möglich sein.

Hier geht es um die Elastizität des Brustkorbs; der Osteopath unterstützt die Öffnung der Körpervorderseite. - © Christoph Liebentritt
Hier geht es um die Elastizität des Brustkorbs; der Osteopath unterstützt die Öffnung der Körpervorderseite. - © Christoph Liebentritt

Carla Stecco von der Uni Padua konnte kürzlich einen neuen Zelltyp, die Fasziazyten, als einen Schlüssel zur Geschmeidigkeit identifizieren. Fasziazyten mit hohem Hyaluronsäuregehalt sind geschmeidiger und erlauben eine bessere Beweglichkeit. Durch gezieltes Training produzieren sie vermehrt Hyaluronsäure.

Bald könnten die Faszien auch in der Tumortherapie eine Rolle spielen. Helene Langevin vom Osher Center for Integrative Medicine der Harvard Medical School konnte im Tierversuch nachweisen, dass bestimmte Dehnübungen eine antientzündliche Wirkung haben und dass Krebszellen unter Faszientherapie weniger schnell wachsen. Die Tumorausbreitung reduzierte sich um 52 Prozent, skizzierte Schleip und merkt an: "In der Tumortherapie ist man als Therapeut mit einer Verbesserungsrate von 18 bis 20 Prozent mehr als zufrieden."

Der Forscher ortet eine "wuselnde Aufbruchstimmung" in seinem Fachgebiet. Die derzeitigen Studienergebnisse dürften erst der Beginn einer noch spannenden Reise sein.