Können Menschen unterscheiden, ob sie mit einem Computer interagieren oder mit einem Menschen?

Anna Felnhofer: Die unmittelbare Reaktion auf einen computergesteuerten Agenten oder einen menschgesteuerten Avatar ist zunächst gleich. Erst im Umgang mit einer nachfolgenden Stresssituation zeigen sich die Unterschiede. Nur diejenigen, die glaubten, es mit einer menschgesteuerten Maschine zu tun gehabt zu haben, reagierten weniger gestresst.

Heißt das umgekehrt, dass Maschinen Stressauslöser sind oder sein könnten?

Anna Felnhofer: In einer unserer vorangehenden Studien war es so, dass sich Menschen von computerkontrollierten Agenten weniger stressen ließen, als von "echten" Menschen. Dies könnte wieder an unterschiedlichen Attributionsmechanismen liegen: So ist es leichter, den erlebten Stress zu bagatellisieren, indem man sich denkt, dass es ja nur eine Maschine ist, die da Stress macht.

Oswald Kothgassner: Bei unserem jetzigen Experiment konnten wir zudem zeigen, dass Personen, die von einem computergesteuerten Agenten unterstützt wurden, anschließend weniger hilfsbereit und prosozial waren, als Menschen, die zuvor von einem menschengesteuerten Avatar Hilfe bekamen. Letztere wirken in Bezug auf Hilfsbereitschaft wie real anwesende Menschen. Wichtig ist, dass wir uns offenbar nur einem Menschen verpflichtet fühlen und ihm die zuvor gegebene Unterstützung in gewisser Weise retournieren möchten. Bei Computern funktioniert das nicht.

Was bedeutet das für den Einsatz in der Therapie?

Anna Felnhofer: Wir können diese Avatare gezielt für Interaktionsübungen einsetzen, etwa bei sozialen Phobien oder für das Training schwieriger Situationen wie etwa Bewerbungsgesprächen oder Vorträgen vor vielen Menschen. Mit Hilfe der Avatare kann man sich in einem geschützten Rahmen den Situationen aussetzen und lernen, damit umzugehen.

Kann man aus den Studien schließen, dass Computerinteraktion generell schädlich für den sozialen Zusammenhalt ist? Online scheint vielen Menschen das Bewusstsein für ihr tatsächlich menschliches Gegenüber abhanden zu kommen.

Oswald Kothgassner: Wir können Onlineinteraktionen eher als Ressource für Menschen sehen. Wenn jemand Computerspiele spielt, heißt das nicht gleich, dass er per se einen schädlichen Lebensstil pflegt. Über das Spiel findet eine soziale Interaktion mit anderen statt. Das fördert unter Umständen auch das Hilfsverhalten in Gruppen, was wiederum auch eine wichtige soziale Ressource für viele Menschen darstellen kann.