Hirnscans zweier 65-jähriger Frauen, links mit 13 Prozent, rechts mit 49 Prozent Körperfett. Auf den Scans rechts gibt es weniger Strukturen der grauen Substanz. - © Radiological Society of North America
Hirnscans zweier 65-jähriger Frauen, links mit 13 Prozent, rechts mit 49 Prozent Körperfett. Auf den Scans rechts gibt es weniger Strukturen der grauen Substanz. - © Radiological Society of North America

Oak Brook/Wien. Es ist ein Teufelskreis: Übergewicht verändert die Gehirnstrukturen im Belohnungssystem so, dass Betroffenen das Sättigungsgefühl verlieren. Gleichzeitig wird die Menschheit immer übergewichtiger, weil sie sich immer weniger bewegt. So lassen sich die Ergebnisse zweier Studien zusammenfassen.

Immer mehr Erwachsene, Jugendliche und Kinder leiden unter starkem Übergewicht. Zahlreiche Folgeerkrankungen führen zu einer schlechteren Lebensqualität, einer niedrigeren Lebenserwartung und hohen direkten und indirekten Kosten für das Gesundheitssystem. Adipositas hat mehr Herzkreislauf-Erkrankungen zur Folge als die Volkskrankheit Diabetes Typ 2 und wird auch mit einem erhöhten Risiko für kognitive Veränderungen bis zur Demenz in Verbindung gebracht. Starkes Übergewicht löst laut Forschern entzündliche Prozesse aus, die das Hirngewebe schädigen können.

Um den Ursachen auf den Grund zu gehen, hat ein Team der Universität Leiden in Südholland Hirnscans von 12.000 Teilnehmern der UK Biobank Study analysiert. Die britische Datenbank wurde 2006 gegründet, um die Rolle von Umweltfaktoren bei der Entstehung von Krankheiten zu untersuchen. Auf den mit Hilfe von Magnetresonanztomographie angefertigten Gehirnscans sind die nervenzellenreiche graue Substanz und die weiße Substanz, die auch als Gehirn-Verdrahtung bezeichnet wird, zu sehen.

Das Team berichtet im Fachjournal "Radiology" darüber, wie sich die Morphologie des Denkorgans mit steigendem Körperfett-Anteil verändert. "Ein höherer Körperfett-Anteil kann mit einem Volumensverlust wichtiger Gehirnstrukturen in Verbindung gebracht werden", wird Studienleiterin Ilona Dekkers in einer Aussendung der Radiologischen Gesellschaft Nordamerikas zitiert. Dekkers verweist auch auf gewisse Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ihr zufolge korreliert mehr Körperfett bei Männern mit einem geringeren Volumen an grauer Substanz und einem Rückgang jener Strukturen, die für das Belohnungs- und das Bewegungssystem zuständig sind. Bei Frauen hemmt ein erhöhter Fettanteil den Globus pallidus. Dieses Kerngebiet des Gehirns kann bewegungshemmend und bewegungsfördernd wirken, wobei der bewegungsfördernde Anteil überwiegt. Auch in der weißen Substanz wurden mikroskopische Veränderungen gemessen.

Über die Auswirkungen wollen Dekker und ihr Team derzeit nur spekulieren. Rückgänge der grauen Substanz würden aber jedenfalls nahelegen, dass Nervenzellen absterben. Verminderungen in der weißen Substanz wiederum könnten zur Folge haben, dass Signale langsamer oder weniger oft durch die Netzwerke des Gehirns geleitet werden. "Bekannt ist, dass das Volumen der grauen Zellen im Subkortex das Belohnungssystem bei der Nahrungsaufnahme beeinflusst. Strukturelle Veränderungen, die durch starkes Übergewicht ausgelöst werden, könnten die Gewichtskontrolle erschweren", warnt die Forscherin.

Einer der Hauptauslöser für Übergewicht ist Bewegungsmangel. Da immer mehr Tätigkeiten im Sitzen erledigt werden, werden weniger Kalorien verbrannt.

Immer mehr Menschen sitzen acht Stunden täglich

Ein Team der Universität Washington wollte wissen, wie viele Stunden am Tag die Menschen im Sitzen verbringen. Sie werteten die Daten von 51.000 Personen ab fünf Jahren aus, die zwischen 2001 und 2010 an einer US-Überblicksstudie zu Ernährungsgewohnheiten und Gesundheit teilgenommen hatten. Bei Teenagern und jungen Erwachsenen hatte sich von 2007 bis 2016 die im Sitzen verbrachte Zeit von sieben auf mehr als acht Stunden erhöht. Auch Erwachsene sitzen um eine Stunde mehr. Allerdings handelt es sich hier um eine Steigerung von 5,5, auf 6,5 Stunden. Schuld ist der Bildschirm. 62 Prozent der Kinder zwischen fünf und elf Jahren verbrachten mindestens zwei Stunden täglich vor dem Screen. Bei zwölf- bis 19-Jährigen waren es 59, bei Erwachsenen von 20 bis 64 insgesamt 65 Prozent.

Ob zur Ablenkung Videos geschaut oder Informationen konzentriert recherchiert werden: Das Sitzen könnte das Denken erschweren, weil es dick macht und zu viele Kilos das Gehirn verändern. Neben Bewegung könne nur ein anderer Speiseplan Abhilfe schaffen, berichtet ein drittes Forschungsteam im Journal "Obesity". Die Kombination von Gemüse, Fisch und Fleisch der Mediterranen Diät rege eher dazu an, nur so lange zu essen, wie man Hunger hat.