- © Boyarkina Marina - stock.adobe.c
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Cambridge/Wien. Der moderne Alltag verlangt der Gesundheit einiges ab. Unregelmäßige Arbeitszeiten, Multitasking, Stress und unregelmäßige Essens- und Schlafenszeiten knabbern am Wohlbefinden. Insbesondere kalorienreiche Mahlzeiten können der Gesundheit schaden, und zwar besonders bei chronischem Stress. Warum wir bei Stress stärker zunehmen als in entspannten Zeiten, konnte ein Team des Garvan Institute for Medical Health im australischen Darlinghurst zeigen.

Manchen Menschen vergeht bei Zeitdruck, emotionaler Belastung und anhaltender Überforderung der Appetit. Der Großteil isst jedoch in solchen Situationen eher mehr und greift dabei insbesondere zu kalorienreicher oder zuckerhaltige Nahrung. Cremeschnitten, Burger, Pommes & Co fallen jedoch nach einem hektischen Arbeitstag gewichtiger aus an als im Urlaub.

Im Fachjournal "Cell Metabolism" berichten die Forschenden über einen molekularen Pfad im Gehirn, der vom Hormon Insulin kontrolliert wird. Er treibt die Gewichtszunahme voran. Die Ernährungsexperten untersuchten die zuständigen Gehirnregionen bei Mäusen. Während die Nahrungsaufnahme hauptsächlich vom Hypothalamus gesteuert wird, kümmert sich die Amygdala um Gefühlsreaktionen, darunter auch Sorge und Angst.

"Wenn die Mäuse dauerhaft in Stress versetzt wurden und wir sie dabei mit kalorienreicher Nahrung fütterten, nahmen sie schneller zu als entspannte Mäuse, die dasselbe zu fressen bekamen", erklärt Erstautor Kenny Chi Kin Ip in einer Aussendung zur Studie.

Ausschlaggebend ist das Molekül NPY. Seine Ausschüttung ist eine Stressreaktion des Gehirns. NPY soll Mäuse wie Menschen dazu anregen, Vorräte anzulegen, sprich mehr zu essen. "Als wir die NPY-Produktion in der Amygdala ausschalteten, verlangsamte sich die Gewichtszunahme. Ohne das Molekül nahmen gestresste Mäuse im selben Ausmaß zu wie entspannte", erklärt Ip die Verbindung von Stress, Übergewicht und NPY.

Das Team untersuchte auch jene Nervenzellen, die das entscheidende Molekül herstellen. Sie fanden dort Andockstellen für Insulin. Das Hormon wird in den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse gebildet. Normalerweise schüttet der Körper Insulin nach Mahlzeiten aus. Es senkt den Blutzuckerspiegel, indem es die Körperzellen dazu anregt, sich Glukose aus dem Blut zu holen. Wenn die Körperzellen genug Nahrung haben, schickt Insulin das Signal "zu essen aufhören" an das Ernährungszentrum im Hypothalamus. (Zur Information: Bei Diabetikern stellen die Betazellen wenig bis kein Insulin her, was eine Überzuckerung im Blut und eine Unterernährung der Körperzellen zur Folge haben kann.)

In ihren Maus-Studien stellten die Forscher fest, dass chronischer Stress allein den Insulinspiegel nur marginal anhebt. Hingegen benötigten Tiere, die unter chronischem Stress standen und dabei einen kalorienreichen Speiseplan bekamen, zu dessen Verbrennung zehn Mal so viel Insulin wie die entspannten Nager. Der anhaltend hohe Insulinspiegel in der Amygdala hatte wiederum zur Folge, dass die Nervenzellen der Amygdala zunehmend unsensibler auf das Hormon wurden so lange, bis sie dagegen immun waren und das Kommando "zu essen aufhören" nicht mehr hörten. Dieses Stadium ist übrigens auch der Beginn von Diabetes Typ 2.

Zurück zum Experiment: Da die Versuchstiere bei der Nahrungsverwertung nicht mehr normal reagierten, kurbelten ihre Gehirne die Erzeugung von NPY weiter an, was sie wiederum dazu anregte, über den Hunger hinaus zu essen, was die jedoch Energieverbrennung weiter lähmte. Die Unfähigkeit, Nahrung normal zu verbrennen, machte die Mäuse dicker.

Ein Teufelskreis

"Unsere Untersuchungen zeigen einen Teufelskreis, in dem ein chronisch hoher Insulinspiegel, ausgelöst durch Stress und kalorienreiche Speisen, zu immer höherer Nahrungsaufnahme führt, sagt Studienleiter Herbert Herzog. Wer also das Gefühl hat, ständig unter Strom zu stehen, sollte sich beim Essen zurückhalten. Allerdings arbeitet das Gehirn unter Stress auf Hochtouren und benötigt hierzu kalorienreiche Kohlehydrate.

Ein britisches Team der Universität Cambridge konnte übrigens nachweisen, dass Insulin auch die Zeitabläufe im Körper koordiniert. Das Hormon ist einer der Taktgeber der inneren Uhr. Wer also vor lauter Stress auch noch unregelmäßig isst, bringt sie durcheinander. Das Ergebnis sind Schlaf- und Verdauungsprobleme und Störungen im ganzen Körper. Insulin gibt laut den Forschern den Takt aller Körperfunktionen vor, indem es ein Protein namens Period erzeugt. Wer die Produktion stört, hat laut den Forschern ein höheres Risiko von Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.