Sie gilt in der breiten Bevölkerung als mehr oder weniger harmloser Routineeingriff - dabei ist eine Mandeloperation genau das nicht. HNO-Ärzte warnen vor mitunter fatalen Fehleinschätzungen, denn bei Tonsillektomien (Komplettentfernung der Gaumenmandeln) und sogar bei Tonsillotomien (Mandelverkleinerung) kommt es erstaunlich oft zu Komplikationen. Konkret hat jeder zwölfte Operierte eine Nachblutung. Vor allem bei Kindern sollte daher der stationäre Aufenthalt verlängert werden, heißt es.

Nachblutungen seien die häufigsten und gefährlichsten Komplikationen, ist in "Die Österreichische Tonsillenstudie 2010 - Teil 2: Postoperative Blutungen" nachzulesen. Für diese haben Mitarbeiter der Medizinischen Universität Graz und der Universität Klagenfurt die Daten von 9405 Patienten aus 32 österreichischen HNO-Abteilungen ausgewertet - bei 7,9 Prozent kam es demnach zu Nachblutungen. Das sei "ein doch beträchtlicher Prozentsatz", so die Studienautoren. Und: Schwere, in Allgemeinnarkose zu versorgende Nachblutungen wurden gehäuft bei Schulkindern zwischen 6 und 15 Jahren verzeichnet.

"Immer mehr Operationen im ambulanten Bereich"

Vor allem Kinder sind also gefährdet, weil deren Blutvolumen geringer ist und sie leichter an der Nachblutung ersticken können. Das Jahr 2006 ist dabei heimischen Ärzten als besonders fatal in Erinnerung. Damals gab es sechs tote Kinder in Österreich durch Blutungen nach Mandeloperationen - die meisten waren jünger als sechs Jahre, so wie auch ein Vorschulkind, das im heurigen Frühling durch eine Blutung einige Tage nach einer Tonsillotomie gestorben ist. Eine offizielle Gesamtzahl zu Todesfällen nach Mandeloperationen wird von den zuständigen Stellen auch auf Nachfrage nicht genannt.

Nach dem Katastrophenjahr 2006 gab es ein Umdenken hinsichtlich Indikationen und Operationstechnik. Statt die Mandeln komplett auszuschälen werden sie heute vermehrt und bei unter Sechsjährigen fast ausschließlich verkleinert. Die Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie sowie Kinder- und Jugendheilkunde erstellte dazu im Jahr 2007 ein Konsensuspapier. Demnach muss eine strikte fachliche Indikationsstellung vorliegen, bevor die Mandeloperation durchgeführt wird.

Am Grundproblem habe sich dennoch nichts geändert, kritisiert der HNO-Facharzt Wilhelm Streinzer, der für die Österreichische Ärztekammer als Bundessprecher der chirurgischen Fächer und als HNO-Bundesfachgruppenobmann tätig war. Es habe sich sogar verschärft: "Die Kostenträger versuchen, immer mehr Operationen in den ambulanten Bereich zu verschieben. Und diejenigen, die gerade bei Mandeloperationen bei Kindern dagegen sind, wie die wissenschaftliche Gesellschaft und die Bundesfachgruppe, werden als Verhinderer einer modernen Entwicklung der Medizin angesehen", sagt er zur "Wiener Zeitung".