Können Sie aus Ihrer therapeutischen Praxis berichten?

Ich weiß, dass es eine ausgesprochen hohe Dunkelziffer von Frauen gibt, die gar nicht wissen, was mit ihnen passiert. An schwerwiegenden Fällen betreue ich im Moment eine Handvoll. Wie auch eine Frau, die vor drei Jahren das erste Mal zur Therapie kam. Sie litt extrem in ihrer Beziehung, war aber auch Mutter eines Kindes und schaffte es damals nicht, zu gehen. Sie erlebte das klassische Abwertungsprogramm: Grundlose Kritik und Hinterfragt-Werden und folglich massive Selbstzweifel und Unsicherheit. Sie blieb aber und entschied sich erst vor einem halben Jahr, zu gehen. Entscheidend war der unerträgliche Leidensdruck.

Ein typischer Fall?

Sicher. Sie ist aber noch immer in Therapie und kämpft mit ihren Selbstzweifeln, was die Kindererziehung betrifft. Ihr wurde ständig eingetrichtert: "Du hast das falsch gemacht, du kannst das nicht und das auch nicht."

Es gibt auch Frauen, die diesen emotionalen Missbrauch ertragen.

Das liegt daran, dass die gewohnte Situation die sichere Situation ist. Besonders dann, wenn Kinder da sind oder eine finanzielle Abhängigkeit besteht.

Welche Ratschläge geben Sie?

Alles aufschreiben, ein Protokoll oder ein Tagebuch führen. Das ist etwas, das ich empfehle! So kann man überprüfen, wer falschliegt, und durchschaut möglicherweise die Manipulation.

Aber es bleibt nur die Flucht.

Ja. Auch wenn sich das Opfer denkt, ich kann eigentlich gar nichts, ohne zu scheitern. Doch in der Therapie lernt man, dass es doch irgendwie geht. Eine Frau hat mir erzählt, dass sie nicht gehen kann, da es ihr unmöglich ist, eine Glühbirne zu wechseln. Ich sagte ihr, dass man dafür keinen Mann braucht, sondern, wenn überhaupt, einen Elektriker. Es werden einfach Dinge vorgeschoben, warum ein Schlussstrich unmöglich ist. Bereut hat es noch niemand. Im Gegenteil. Viele erzählen: "Es geht mir ausgesprochen gut. Er hat jetzt eine Neue und ich habe meine Ruhe."